MARTIN SCHAUB

EL PUEBLO NUNCA MUERE (MATHIAS KNAUER)

SELECTION CINEMA

Entschiedener als alle anderen Filme, nicht nur dieses Jahres, handelt Mathias Knauers Film nach und mit Klaus Hubers Oratorium „Erniedrigt — geknechtet — verlassen — verachtet ...“ nicht eigentlich, nicht wesentlich von dem, was er zeigt, sondern von dem, was der Titel ausspricht: der Hoffnung auf das Volk, das immer überlebt. Der Film fügt sich zusammen aus der filmischen Aufnahme einer Aufführung des Stücks an den Donaueschinger Musiktagen und Bildern, die erst durch den Zusammenhang, in dem sie erscheinen, bedeutend werden.

Als Beispiel sei der Schluss zitiert, wo Klaus Huber seine Kronzeugen zusammen reden lässt: Enrico Cardenal, George Jackson, Carolina Maria de Jesus und Florian Knobloch in einem Hymnus (Chor und Einzelstimmen), den auch das Orchester mit dem gesamten zuvor bereits „gezeigten“ Material und — als neuem Element — dem Auferstehungschoral in Bachscher Setzung „Christ lag in Todesbanden“ unterstützt: „Das Volk ist unsterblich / Lächelnd tritt es aus der Leichenhalle / Ich singe ein Land, das bald geboren wird / Das Volk stirbt nie / Der See, an einigen Stellen blau, an anderen wie Silber und Gold / Am Himmel fliegen die Reiher“. Das filmische Bild der Schlussequenz ist eigentlich nicht Umsetzung (schon gar nicht Illustration) des Worts, sondern Projektionsgrund für die Worte und die Töne; es handelt sich um eine langsame Fahrt flussaufwärts. Diese Bewegung ist ganz innerlich, ist die Realität eines „Textes“ von Theologie der Befreiung (die Realisierung, Materialisierung). Worte, Stimmen, Töne, filmische Bilder in einer sehr systematischen Montage materialisieren eine abstrakte Vorstellung, verleihen ihr einen kunst-realen Körper, der seinerseits nicht nur eine Bewusstwerdung, sondern auch eine reale Praxis vorbilden soll.

El pueblo nunca muere entfernt sich schon nach den ersten paar Einstellungen vom gängigen Musikfilm, der — was die Töne, ihre Setzung und ihren Zusammenklang — nachbildet (indem irgendwie „mimisch“ gefilmt wird). Knauers Kameras — es waren fünf, eine für die Totale, mehr oder weniger in der Achse des Orchesters und des Zuhörerraums, vier sich bewegende und konzentrierende — stürzen sich nicht dauernd auf die am meisten hervortretende musikalische Aktion; im Vertrauen auf die Komposition, die ihre Strukturen mit eigenen Mitteln klärt, montierte Knauer autonom filmisch; jede Verdoppelung ist rein zufällig.

„Eine Musik erklingt — aber das Werk ist dabei nie voll gegenwärtig. Weder die Partitur noch eine Aufführung sind das Werk; sie verweisen bloss darauf. Was aber gemeint ist, muss abwesend bleiben. Gleich wie die Aufführung einer Partitur stellt die Filmaufnahme einer Aufführung eine Realität her, die nur auf das gemeinte Abwesende verweisen kann — auf den ins Visuelle nicht übersetzbaren Sinn, der sich, vielleicht, im Hören und Zusehen erschliesst.“ (Knauer)

Immerhin setzt Knauer deutliche Zeichen für das „Gemeinte“. Zum Beispiel öffnet Florian Knoblochs Text über die Arbeit in der Giesserei zusammen mit Ernesto Cardenals 21. Psalm und Dorothea Sölles Fassung des zwölften eine gewaltige Klammer für Aufnahmen aus einer Giesserei. Sie können gar nicht mehr als Abbilder einer alltäglichen Realität gelesen werden, sondern nur noch als Sinn-Bild. Das gleiche gilt sogar für die filmische Fassung des zentralen Stücks (Teil V) der Komposition, der schon vor dem Oratorium geschriebenen Komposition „Das Senfkorn“, das wieder einer Uebertragung Ernesto Cardenals folgt (Psalm 36/37) „Die neuen Führer werden Pazifisten sein und Frieden machen“. Klaus Huber hat diesen Text, diese Stimme, für Knabensopran geschrieben; Knauers Kamera fasst ihn in einem bezeichnenden, einem markanten Seitwärtstravelling ins Bild.

Schon lange hat es keinen Musikfilm mehr gegeben und keinen politischen, der seine Mittel derart systematisch und überlegt einsetzt. El pueblo nunca muere kann nur mit Straubs und Huillets Bach- und Schönbergfilmen verglichen werden.

Die dialektische Subtilität kann wohl nicht spontan bis in ihre letzten Verästelungen und Steigerungen begriffen werden, und das ist ja auch nicht das Ziel der Autoren. „Ueberzeugen ist unfruchtbar.“ Der Film überzeugt denn auch seine Zuschauer und Zuhörer nicht davon, dass die Befreiungstheologie richtig ist, dass Nicaragua einen sinnvollen Weg beschreitet, wenn man das Land machen lässt. Es führt direkt in den Geist (die Spiritualität) dieser Revolution hinein.

Dass es Leute gegeben hat, die sich an der (relativen) Aufwendigkeit — Stereoton, Realaufnahmen in Nicaragua, Aufführungsaufnahmen mit verschiedenen Kameras — stiessen, zeigt allerdings, dass noch wenige die Politik für eine Arbeit des Geistes halten, sondern immer noch für das ausweglose Macht- und Kräftespiel immer der selben Lager.

Das (erreichte) Ziel dieses politischen Films ist Begeisterung.

PS. Für Gruppen, die El pueblo nunca muere vorführen wollen, empfehle ich die relativ aufwendige Stereo-Installation, die speziell für diesen Film entwickelt worden ist. Auch das übrigens zeigt an, wie innovativ, wie grundsätzlich neu dieser Film ist.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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