MARTIN SCHAUB

FASNACHT (BRUNO KISER)

SELECTION CINEMA

Mit und in seinem Abschlussfilm für die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, an dem gleich drei Fernsehanstalten mit einem Minimalbeitrag partizipierten — BR, NDR und SRG —, wird der 25jährige Innerschweizer Bruno Kiser auch einen Teil Autobiographie aufgearbeitet, bzw. therapiert haben. Im Mittelpunkt von Fasnacht steht ein erfolgloser Schauspieler, der in der Fremde sein Glück und Unglück versucht und „daheim“ den verschiedensten (und doch immer gleichen) Urteilen und Vorurteilen ausgesetzt ist. Die Hauptfigur, Markus, hat Vorjahren das Dorf verlassen, weil es zu wenig Welt anbot. (Er ist nicht allein mit dem Fortfahrwunsch: Einer will nach Kanada, die Freundin von „damals“ wenigstens nach Zürich.) Jetzt, da Markus im Dorf die Wunden lecken will, soll er Welt in die Enge bringen — genau das, was er nicht kann.

Der Grundgedanke von Fasnacht ist bedenkenswert, aber das Drehbuch ist schwach, und die Inszenierung bleibt der Hauptidee fast alles schuldig.

Da hier nichts zu bewerten ist, bleibt nur eine Differentialanalyse übrig, jene zwischen spürbarer Absicht und sicht- und hörbarer Verwirklichung. Sehr kurz und wenig „welthaltig“ ist die Exposition in München geraten. Markus wird isoliert gezeigt; für sprunghafte Erzählweise sind die einzelnen kurzen Szenen nicht prägnant genug. Die erste Begegnung auf heimatlichem Boden ist dermassen klischiert — ein ehemaliger Schulkamerad kommt mit Jaguar und hellem Ledermantel dahergebraust — dass man kaum Gutes mehr erwarten darf.

Mit diesem Malus beginnt die eigentliche Geschichte, die nach einer Viertelstunde nicht mehr zu retten ist. Den grossen Ansprüchen — siehe oben — sind die unerfahrenen Darsteller in keinem Moment gewachsen. Vor allem auch, weil sie kein durchgearbeiteter Dialog trägt. Sie hätten eines Dialogs bedurft, doch Kiser will sie — mit dem Körper, mit Gängen, mit Gesten — das Problem artikulieren lassen. Selbstverständlich hat er sich auch von der Kamera mehr erhofft, als sie ihm nun zu bieten hat, vor allem in den Intérieurs, wo sie die Schwächen der Schauspieler in einem schlechten Licht geradezu herausstellt.

Trotz allen Unzulänglichkeiten ist eine sehr eigenwillige Art des Erzählens noch auszumachen, eine sprunghafte Vorwärtsbewegung von einem lebenden Bild zum nächsten.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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