MARTIN SCHAUB

ETÉ 84 (LEO KANEMAN)

SELECTION CINEMA

Leicht zynisch grinsend, mondän erzählt Léo Kanéman zügig — mit einem Anfang, einer Mitte und einem Sch(l)uss — eine Rivalengeschichte, die erst erzählenswert ist, wenn sie gut erzählt wird. Wie bereits in La nuit du Fusecki übt Kanéman die konventionellen Kinoformen auf kleinem Raum, er bereitet offenbar Grösseres vor. Wie einige andere Genfer Jungautoren hält Kanéman nichts von ungeschickten ersten Schritten; er will nicht auf das in den letzten Jahren erworbene Know-how der versierten Filmtechniker verzichten. Vorläufig hat er nicht viel zu sagen, er zeigt bloss, dass er ein Stilist ist, einer der die geschliffene Form beherrscht. Vielleicht ist er „nur“ ein Regisseur?

Die Geschichte von plakatierten Leidenschaften lohnt es sich kaum mitzuteilen. Mitteilenswert ist die Art, mit der Kanéman konventionelle Erzähltechnik in ganz leicht ironisierter Form anwendet und mit dokumentarischen, d.h. nicht inszenierten Einstellungen vermischt. Es geht nicht um Aufklärung, Emanzipation oder dergleichen (ginge es darum, müsste man vom machistischen touch der Story reden), sondern um das Setzen von Effekten. Für diese selbstgestellte Aufgabe hat Kanéman die entsprechend exhibitionistischen, Muster imitierenden Darsteller in der Genfer Szene gefunden.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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