MARTIN SCHAUB

DER REKORD (DANIEL HELFER)

SELECTION CINEMA

Der Stoff ist fast zu klein für einen ausgewachsenen Spielfilm, doch Daniel Helfer, der auf dem Weg ist, ein echter Professional zu werden, ist ein begabter Erfinder von Varianten, ein phantasievoller Spieler. Seit der Uraufführung an den Hofer Filmtagen 1984 hat Der Rekord überdies eine Schlankheitskur durchgemacht; von den ursprünglich 103 Minuten sind 85 übriggeblieben; jetzt sieht der Film zweifelsohne besser aus.

Rico, dessen Videopiraterie brüsk abgestellt wird, kommt mit einem Weltrekordversuch im Dauerfernsehen in die Medien, und beinahe gelingt ein gerissener Reklamecoup: Banana, sein Freund und Assistent, kriegt einen Konzerndirektor weich, aber da bricht der Weltrekordler zusammen, wird selber zum Empfänger und ist „normal“ nicht mehr ansprechbar. Bigi, seine Freundin, muss den Umweg über einen TV-Sender nehmen, um ihn zu retten. Was auch — in letzter Sekunde — gelingt. Aber Streifungen hat der arme Rico noch immer. Er ist ein Märtyrer des Video-Zeitalters.

Mit der „Moral“ allerdings hält Daniel Helfer, der auch das Drehbuch geschrieben hat, wohlweislich zurück. Er inszeniert das fiktive Ereignis, und nur dieses. Er lässt seine — guten — Darsteller plakativ und expressiv spielen und geht mit der Kamera ganz nahe dran heran. Die Musik von „The Chance“ treibt die Handlung vorwärts und überbrückt laue Momente (die nicht fehlen). Eigentliche Rollen gibt es nur drei; die restlichen Figuren — allen voran Kurt Raab als Notar „P.K. Wütrich“ — sind Chargen, deren Stereotypien der Regisseur weidlich ausschlachtet.

Der Film steht und fällt mit dem Hauptdarsteller Uwe Ochsenknecht, der die pace, unterstützt durch eine fähige Maskenbildnerin grossartig durchhält. Die unheimliche, irre Seite von Ricos Experiment allerdings interessiert ihn weniger, umso mehr die Stufen der Erschöpfung.

Wie Beni Kisers Fasnacht ist Der Rekord ein Abschlussfilm der HFF München, doch hier enden die Vergleiche. Daniel Helfer hat zwischen seinem Kurzfilm Fehlstart (1982) und dem ersten langen Spielfilm acht Episoden von Motel mitgestaltet, eine Lehre in Effizienz absolviert. Nach diesem Intermezzo kam ein halbdilettantischer Film nicht mehr in Frage. Ein Beitrag der deutschen FFA sowie Beteiligungen von BR und SRG ermöglichten das, was Helfer braucht: professionelle Techniker, möglichst mit TV-Filmerfahrung, und junge, aber nicht unerfahrene Schauspieler. Er hat arrangiert, und die Techniker und Schauspieler haben „es“ gebracht. Für Spitzfindigkeiten blieb keine Zeit und keine Lust.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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