MARTIN SCHAUB

THE LAND OF WILLIAM TELL (G. NICOLAS HAYEK)

SELECTION CINEMA

Der Held von Lutz Leonhards Film (siehe dort) raubt, um das Geld für einen Film zusammenzukriegen; darum heissen er und der Film Die Räuber. Nicolas Hayek hingegen, den negativen Filmförderungsbescheid in den Händen, lacht ein anderes Glück: er kommt mit Hehlerei zu seinen Tausendernoten, beinah wenigstens.

Hayeks Film beginnt verwirrend mit Mustern einer Filmgeschichte, die plötzlich abbricht: Da kommt ein ehemaliger amerikanischer Bomberpilot in die Schweiz und feiert ein herzliches Wiedersehen mit den Leuten des „Land of William Tell“, bis ihm ein Besoffener mit einer noch nicht ganz leeren Flasche eins über den Schädel zieht.

Unterhaltsamer und kohärenter wird dann die Geschichte des bankrotten Filmmachers (Hayek selber) erzählt, der sich — bescheiden, wie es sich gehört — als Autowäscher durchs Leben schlägt und beim Staubsaugen auf eine Tausendernote und gleich darauf auf die unrechtmässige Besitzerin stösst. Nachdem der Filmemacher regelrecht gekidnapt und zum Mitwisser gemacht worden ist, bekommt er es — unwissend — mit einem Amateur-Sherlock Holmes, dem benachbarten Rentner, zu tun.

Hauptfigur ist indessen weder Hayek noch der Rentner mit seinem Feldstecher, sondern die Schreibmaschine, auf der der Film — so wenigstens geht die Fiktion — Schritt um Schritt phantasiert wird.

Dem Erfinder dieses Films, der sich dauernd selber entwirft, fehlen zwar nicht nur die finanziellen Mittel für ein leichtes Stück Unterhaltung — vieles ist zu bieder, viel zu umständlich auch erzählt —, doch ist der zweite Teil von The Land of William Tell nach einem interessanten Erzählmodell konstruiert, das nicht ausgeschöpft wird ... und also für einen weiteren Versuch frei.

Film scheint bei Hayek nicht jene Frage von Leben und Tod zu sein, wie er es für seine Vorgänger im Schweizer Film war. Was ihm hingegen noch fehlt (und was z.B. Daniel Helfer erworben hat), ist ein Sinn für technische Qualität, um einmal nicht von Kunst zu reden.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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