MARTIN SCHAUB

FETISH & DREAMS (STEFF GRUBER)

SELECTION CINEMA

In mancher Beziehung ist Steff Grubers zweiter Film ein starkes, eigenwilliges Werk. Der Autor stellt sich resolut in den Mittelpunkt, und das heisst nicht nur seine spontane, unreflektierte Präsenz, sondern die Fiktion, die er zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Films gerade von sich unterhielt.

Wir sehen ihn aufbrechen nach New York, sozusagen als Reporter (vielleicht betroffener Reporter) mit dem (inneren) Auftrag, die Single- Szene New Yorks zu durchleuchten. Er dokumentiert die Technik der Begegnung, die „neue Technik“, denn sie rechnet nicht mehr mit der Vermittlung durch Gesten, Blicke und das je-ne-sais-pas-quoi, sondern vertraut auf Visitenkarten, Fotoapparate, Telefon, Video usw.. Der Reporter selbst versucht dann, eine verpasste Flugzeug- Begegnung medial wieder herbeizuführen: Telefonsuchaktion, Plakataushang, Alarmnetz. Bis er die junge Frau wieder vor Augen und vor seiner Kamera hat. Vor dieser Kamera wird ihm seine heillose Spaltung bewusst: Einerseits ist die Frau nur ein Bild, ein Element für den Film, ein Gebrauchswert letztlich; andererseits wünscht er sich nichts sehnlicher als die (unvermittelte) Liebe dieser Frau. Er sagt: „Ich will dich.“ Das heisst zweierlei, und das schliesst sich aus. Er will das Bild und die Frau, den Film und das Kind. Aber es gibt nur ein Entweder-Oder. In der letzten Sequenz des Films, das Bild und die Sprache der Frau manipulierend, entscheidet sich Steff Gruber für das Oder.

Mit viel filmlinguistischem Eifer hat Steff Gruber versucht, die verschiedenen Ebenen des Sagens reliefartig zu klären und sich so auch dem Vorwurf der Ausbeutung des Nicht-Ich zu entwinden. Es ist ihm meines Erachtens nur halb (und das heisst nicht) gelungen. Spontanes und Berechnendes, Mutiges und Mutwilliges, die ganze Wahrheit und Ehrlichkeit und die halben Lügen gehen fliessend und ohne Vorwarnung ineinander über. Und der Zuschauer entlässt den Autor unter grösstem Verdacht. Wenn es der Verdacht ist, den Gruber selber gegen sich hegt, wird er damit leben können.

Interessant ist nicht nur die technische Seite des Unternehmens Fetish & Dreams — ¾-Zoll Videotechnik bis zum final eut und hernach optischer 35-mm-Transfer —, sondern die besonderen Voraussetzungen des Stehlens, Herstellens, Manipulierens, die die gewählte Technik ermöglicht hat. Gruber hat sich ein Drehverhältnis von 1 : 20 erlauben können — also zwei- bis viermal mehr Rohmaterial als üblich. Ein relativ planloses und offenes Vorwärtsfilmen war möglich. Probleme ästhetischer Art haben sich erst bei der Organisation des Materials gestellt. Dass sie in diesem speziellen Fall irgendwie unlösbar waren — aus Gründen, die oben angetönt worden sind —, heisst nicht, dass Steff Grubers Fetish & Dreams nicht zu den interessantesten Filmen dieses Jahres gehört. Mehr noch: Dieses Kino in der ersten Person ist so auf- und anregend, dass man plötzlich hofft, dass es in so extremer, explosiver und fragwürdiger Form weitergespielt werden wird.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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