MARTIN SCHAUB

KAISER UND EINE NACHT (MARKUS FISCHER)

SELECTION CINEMA

Emil gerät in ein unfreiwilliges Abenteuer, Nicht „Emil“, sondern Robert Kaiser, Kinderbuchverleger, der aber offenbar Kinder nicht ertragen kann. Auf der Fahrt an die Kinderbuchmesse von Bologna verspätet er sich in einer Telephonkabine in Lugano und steht verloren auf dem Bahnhofplatz, findet kein Taxi und wird von einer jungen Frau richtiggehend entführt. Kaiser gerät in den irren Haushalt des ehemaligen Preisboxers Edmond (Rolf Hoppe) und der Tingeltangelsängerin Cherie (Rosemarie Fendel), wird Sparringpartner nicht nur des Boxers, sondern auch der abgetakelten Sängerin, der Haushälterin und der Tochter des Hauses. Fluchtversuche schlagen fehl, und Kaiser muss versuchen, Oberhand zu gewinnen. Er tut’s auf ziemlich ekelhafte Weise beim Monopoly-Spiel und schafft’s bis ins Bett von Sandra, die ihm zum Schluss aber doch noch den Stolz bricht: Kaiser ist nicht der erste, der dieses unfreiwillige Abenteuer erlebt hat. Alle Jahre wieder zum Geburtstag des Boxers mit dem weichgeklopften Hirn inszeniert die Tochter ein solches. ‚

Eine hübsche Idee und ein passables Drehbuch, zum Teil ganz passable Darsteller und ein einleuchtendes Bildkonzept; auch die Musik, die Markus Fischer für seinen Film geschrieben hat, ist brauchbar. Eine Komödie mit Ansätzen zur Tragikomödie: Gegenüber dem Spielfilmerstling von Markus Fischer (Das Flugjahr) ist Kaiser und eine Nacht ein deutlicher Fortschritt.

Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass Fischer das Kapital der verschiedenen Pluspunkte (zu denen auch die dem Projekt angemessenen finanziellen Mitteln zu zählen sind) verschleudert. Die Neugier auf den Fortgang der Geschichte schlägt in Langeweile um. Das kommt von dem gemächlichen Tempo (auch in der Mimik, vor allem von Emil Steinberger) und von der mangelnden Detailfreudigkeit der Inszenierung.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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