MARTIN SCHAUB

ERDZEICHEN MENSCHENZEICHEN (ANNE CUNEO)

SELECTION CINEMA

Dem viel (zuviel) gepflegten Genre des Künstlerporträts fügt Anne Cuneo eine weitere Spielart bei. Das ist schon viel. Natürlich ist auch bei ihr der Künstler das Vor-Bild eines neuen und das Erinnerungsbild des alten (harmonischen) Menschen. Doch Anne Cuneo sieht das Vorbildliche und das In-bildliche nicht im Werk, sondern im wesentlichen in der Arbeit, in der Befreiung der Kreativität und Intuition eines Menschen. Der Hauptteil zeigt die Entstehung eines Bildes mit allen Arbeitsgängen und dem Frieden des Schöpfers Carl Bucher. Die Kamera schaut aus Distanz zu, der Ton bringt die Nähe, das Unmittelbare. Anstatt dem kurzen Film auch noch eine Vita des Künstlers vorzuschalten oder anzuhängen, vertraut Cuneo ganz auf die Entdeckerlust des Zuschauers, der frühere Stationen am Weg des Carl Bucher im Atelier feststellen mag. Und sie vertraut auf die Sätze Carl Buchers über die Kunst und den Lauf der Welt, lapidare Sätze, die dem Film streckenweise dann doch wieder das geben, was zu vermeiden war: ein gewisses Menschheits-Pathos. Es stellt sich zuweilen in einen störenden Gegensatz zur äusserst sachlichen und präzisen Filmarbeit. Idealismus schleicht sich in den subtilen Realismus ein. Roland Mosers Musik hingegen weiss die Gefahr des „O Mensch-Pathos“ zu vermeiden, ja sie korrigiert manchmal sogar die grossen Wörter.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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