MARTIN SCHAUB

ER MORETTO — VON LIEBE LEBEN (SIMON BISCHOFF)

SELECTION CINEMA

Simon Bischoffs erster Film, der zwischen Dokument, Enquete und überhöhter Inszenierung oszilliert, ist einer der wenigen offen politischen und politisierenden Filme der jüngsten Schweizer Produktion, auch wenn man sehr bald einsieht oder einsehen muss, dass „Er moretto“ auch ein ganz privater Film ist.

Nach zwei Probeläufen im Zürcher Tages Anzeiger Magazin (zwei Aufsätzen über die Geschichte von Franco, dem „Mohren“, und über die „Zivilisierung“ des Römer Circo Massimo und den Geist, der für diese Säuberung verantwortlich sein könnte) hat Bischoff — mit der Unterstützung von Radio Bremen — seine Geschichte in einem Film dargestellt, der die teilweise fragwürdigen politischen Argumentationen etwas zurücknimmt zugunsten der Realität wirklicher Menschen vor der Kamera.

Der tatsächliche Held (oder Anti-Held) der Geschichte, der Junge, der sich aus einer Römer Borgata, aus elendster Armut und Enge davongemacht und eine Zeitlang auf dem Strich eine prekäre Unabhängigkeit und Persönlichkeit gewonnen hatte, Franco, wollte vorerst an dem Film nicht teilnehmen, musste also durch einen Schauspieler ersetzt werden. Dieser Schritt hat Bischoff aus dem Naturalismus herausgeführt, hat ihm die Freiheit verschafft, den Werdegang seines Helden aus dem Subproletariat über eine anarchische Phase in die Sicherheit des Kleinbürgertums eben gerade in dieser Grössenordnung von Begriffen darzustellen. Eine These wird formuliert, deren Pate Pier Paolo Pasolini ist. Francos Werdegang erscheint als — unbewusst begangener — Klassen- und, wie Bischoff meint, Selbstverrat oder doch mindestens - betrug. Diese Geschichte, zeigt der Autor, hat System. Eine ungebundene, die Freiheit physisch lebende Minderheit wird von den „anderen“, der herrschenden Mehrheit, von sich selbst weggeführt, mit den raffiniertesten aber auch mit sehr brutalen Mitteln domestiziert.

Im inszenierten Teil des Films erscheinen die Personen als Typen, als Inkarnationen politischer und kultureller Phänomene. Es sind nicht ein paar Spanner, Homos, Huren und „schöne Leute“, die da porträtiert werden, sondern es geht um abstrakte Figuren in einem Biotop, einem Weltzusammenhang. Diesen Weltzusammenhang inszeniert Bischoff in Bildern, die ihre Herkunft — Pasolini, Fellini, Citti, sogar Bergman — nicht verleugnen. Die zum Teil ironische Stilisierung lässt dem Zuschauer einen schönen Teil Freiheit, auch die Freiheit, das politische Bezugssystem Bischoffs, zum Beispiel seinen recht primitiven Antikommunismus, kritisch wahrzunehmen.

Schwieriger wird es, wenn Bischoff seinen ehemaligen Freund, Franco, er moretto, befragt und ihm eine ganze Reihe von Eingeständnissen abringen will, allen voran, dass er ihn geliebt habe. Genau dieses Geständnis bekommt Bischoff allerdings nicht, und vielleicht wird deshalb seine zunächst einfühlsame, liebevolle Fragerei zunehmend unversöhnlich und autoritär. Bischoff weigert sich, die Geschichte vom Standpunkt des Jungen aus zu denken. Er will, verschmähter Liebhaber, der er ist, Francos gesellschaftlichen Aufstieg als Abstieg verstanden wissen, auch von Franco selbst.

Trotz aller Einwände und schlechten Gefühlen, die den Zuschauer durch den Film begleiten, ist Er moretto einer der interessantesten Filme des letzten Jahres. Mit Mitteln, die man nicht erwartet, und die der Fotograf und Schreiber erstaunlich sicher handhabt, gelingt Bischoff eine Störung der satten und schweren Ruhe, zu der sich so viele gebettet haben.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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