JOHANNES FEHR / HANS PETER BÜHLER / PETER SCHNEIDER

DIE KONZEPTION IM FILM

ESSAY

Je vous salis, ma tue.

(Graffito in Aix-en-Provence)

Es erübrigt sich wohl, in Je vous salue, Marie nochmals nach den Geschichten zu fragen. Der Film kommt der Frage, ob er eine Geschichte habe, schon mit dem Titel zuvor: Eine Geschichte, die zu den Geschichten gehört. Und für jenen, der es nicht gewusst hat, haben die Massenmedien, lange bevor das Produkt im Kino zu sehen war, die Botschaft verbreitet, es handle sich bei dem Gruss um ein Zitat aus dem Lukas Evangelium. Auch dieser Film hat also eine Geschichte, die ihm vorangeht, wie das Vor dem Namen in Carmen. Dem Zuschauer aber zeigt Godard, wie wenig er weiss, wenn er zu wissen vermeint, was ein solcher Film für eine Geschichte hat.

Was heisst also eine Geschichte haben? Die Geschichte von Maria und Josef kennt jedes Kind, aber was weiss man, wenn man die Geschichte schon zigmal gehört hat? Was erzählt man sich unter ihrem Namen?

Wenn man Godards Film, der diese sattsam bekannte Geschichte hat, erzählen will, wird man nicht einfach die Geschichte von Maria und Josef erzählen können. Der Film heisst ja nicht „Maria und Josef“, sondern, Je vous salue, Marie“. Indem sich der Film einen Satz zum Titel nimmt, der seinen Sinn erst im Ausgesprochen-Werden erhält, ist von Anfang an gesetzt, dass der Film nicht von einer Geschichte handelt, die sich einmal, vor langer Zeit abgespielt hat, sondern von einer, die sich unter den Augen des Zuschauers vollzieht: „Je vous salue, Marie“ und nicht „Il salua Marie“. Diejenigen, welche an dieser Geschichte beteiligt sind, erleben sie nicht als eine, die es bereits gibt, als etwas, was man erzählen kann, dessen Verlauf absehbar ist. Nicht als etwas, was man erkennt oder wiedererkennt, sondern als Geschehen.

„Je vous salue, Marie“ spielt sich jeden Tag ab, aber die Geschichte, die sich abspielt, wird nicht als diejenige erkannt, die man gehört hat und die sich erzählen lässt. Der Film zeigt, wie eine Geschichte sich ereignet, die man kennt, von der man aber nicht weiss, dass man sie gerade spielt. Und er geht davon aus, dass sich diese Geschichte tatsächlich immer wieder abspielt, dass das Gehörte ein Drehbuch abgibt für das, was sich abspielt, wenn aus einer und einem drei werden.

Godard geht von der Konstellation aus: eine Frau, ein Mann und ein Dritter. Ein Dritter, das Kind, das kommt, oder Einer, der mit einem Kind kommt. Godard macht die Lektüre: um diese Konstellation geht es in der biblischen Geschichte, in der weiter ein Esel, ein Ochse und, erinnern wir uns recht, einige Kamele auftreten. Am Firmament erscheint ein neuer Stern, und von weither reisen ihm die Leute nach.

Die „Heilige Familie“ ist immer im Spiel, wenn ein Kind angekündigt wird. Das Kind, das kommt, mag ein noch so unbeschriebenes Blatt sein, es tritt immer in eine Geschichte ein, die schon lange, schon von Anfang an, geschrieben ist. Die „Heilige Familie“ ist bekanntlich nicht die einzige — und solche Geschichten, die in der Wiege liegen, bevor das Kind darin plärrt, sind vielleicht nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass sich die grosse Geschichte, die man Weltgeschichte nennt, nicht so schnell ändert, wie es ein Kino, das im Zeitgeschehen engagiert zu sein vorgibt, weismachen will. Was die Geschichte schwierig und den Film spannend macht, ist, dass niemand über das Drehbuch verfügt. Niemand, nicht die grossen und kleinen Tiere im Alltag, nicht die Zuschauer im Kino, aber auch nicht die Schauspieler, mit denen Godard Je vous salue, Marie drehte.

In einem Interview in art press sagt Myriem Roussel, die Darstellerin der Maria:

En même temps, quand on tourne avec lui, on ne sait pas ce qu’on fabrique. C’est aussi ce qui est déroutant, qu’il n’y ait pas un vrai travail de comédienne. Il fabrique des choses qui sont inconnues pour nous au moment où on les fait. On les découvre sur les rushes, et après.

Ebenda in art press erzählt Kameramann Roaul Coutard, wie Godard im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren nicht nach einem vom Verlauf der Handlung unabhängigen, von produktionstechnischen Prioritäten bestimmten Drehplan filmt, sondern dass die Dreharbeiten dem Verlauf der im Film aufzuzeigenden Handlung folgen.

In Bezug auf Je vous salue, Marie ist es nicht nur eine Anekdote, wenn man weiss, dass Godard ohne Drehplan gearbeitet hat. Es gehört zum Thema des Films, dass die Leute, die ihn machen, über einen solchen Drehplan nicht verfügen. Dennoch, der Film entwickelt sich nicht aus dem Nichts. Es wird nicht irgendetwas gedreht: Der Film, der nach keinem fertigen Plan gedreht wird, folgt der bekannten Geschichte, genauer, einer bestimmten Lektüre dieses Stücks heiliger Schrift. Eine Lektüre, die davon ausgeht, dass sich diese Geschichte immer wieder ereignet, und die zu berücksichtigen versucht, was es bedeutet, dass diejenigen, welche daran beteiligt sind, sie nicht als jene erkennen, welche sie vor allem im Dezember jeweils gehört haben.

Myriem Roussel erhielt noch vor den Dreharbeiten von Godard ein vierseitiges Szenario, worin sich Auszüge aus Françoise Doltos L’évangile au risque de la psychoanalyse fanden. Welche Sätze in diesen Drehblättern gestanden haben mögen, lässt sich, greift man auf Doltos Buch zurück, einigermassen rekonstruieren. Es sind Sätze, die zum Teil wortwörtlich im Film vorkommen: „Etre vierge c’est être disponsible“ oder „L’enfant n’est pas le fruit d’une passion mais d’un amour. Was aber den Filmer mit der Psychoanalytikerin über den Wortlaut einzelner ihrer Sätze hinaus verbindet, sind Fragen, die sich bei Dolto wie folgt lesen:“

Que savons-nous avec nos connaissances biologiques scientifiques, de l’amour et de son mystère: Que savons-nous de la joie? De même, que savons-nous de la parole? N’est-elle pas fécondatrice? N’est-elle pas parfois porteuse de mort?

Dolto liefert eine abgerundete Lektüre der „Heiligen Familie“: In diesem Stück Schrift geht es nicht um die Familie als biologische, sondern als symbolische Einheit. Das Symbolische wird in Lacanscher Manier nicht als etwas Abstrakt-Geistiges erfahren, sondern als etwas, was sich auf den Körper auswirkt, was als Symptom im Körper sich einschreibt. Wie sieht das für Mann und Frau aus?

... Maria begehrt. Sie weiss, durch die Ankündigung des Engels (...) dass sie schwanger sein wird. Aber wie? Sie hat keine Ahnung. Aber sie hofft, wie jede Frau, sie begehrt von einem ausserordentlichen Wesen schwanger zu sein. Was Josef betrifft, weiss er nach der Erscheinung in seinem Traum, dass sich, damit ein Gottessohn zur Welt kommt, der Menschenmann nicht allzu wichtig nehmen darf.

Wir sind, wie Sie sehen, weit entfernt von all den Geburts- und Beischlafgeschichten. Hier wird eine Beziehung zum symbolischen Phallus beschrieben, das heisst, zum fundamentalen Mangel eines jeden Seins.

Diese Evangelien beschreiben, dass der andere, in einer Paarbeziehung, sein Gegenüber niemals erfüllt. Es bleibt immer ein Riss, ein Mangel, eine unmögliche Begegnung, und keine Besitzergreifung, keine Phallokratie und keine Abhängigkeit.

Eine solche Übersetzung der biblischen Geschichte in einen psychoanalytischen Diskurs könnte leicht zu einer parabelhaften „Familienroman“- Verfilmung führen. Man kennt solche von Amerika her — und vielleicht verweisen darauf die Schuhe, mit welchen Gabriel auf Genfer Boden landet.

In Godards Film dient der psychoanalytische Diskurs nicht dazu, aus der „Heiligen Familie“ ein aufgeklärtes Rührstück zu machen. Er wirft Fragen auf, die es erlauben, eine Geschichte zu filmen, die nicht fertig ist, bevor man zu drehen beginnt. In Je vous salue, Marie zeigt Godard, wie Fragen im Geschehen insistieren, wie Maria und Josef ununterbrochen auf Signifikanten treffen, die für sie und den Zuschauer Fragen artikulieren. Der Film führt Reaktionen auf solche Fragen vor. Er zeigt, wie man sie beantwortet, ohne nur bemerkt zu haben, dass sie überhaupt gestellt waren, wie man eine Geschichte erlebt, deren Drehbuch man nicht als etwas verstehen kann, was einen bestimmten Sinn, eine bestimmte Verhaltensregel vorgibt. Die Frau im Film heisst Maria, der Mann heisst Josef, aber die Vorschrift, der diese Namen nachkommen, wird von Gabriel nicht verbürgt, nur ausgerufen und eingebläut.

Maria und Josef müssen am eigenen Leibe erfahren, was es bedeutet, wenn das Wort einfährt — und es fährt im Film so ein, das keine Rede davon sein kann, dass jemand, weder Maria und Josef noch irgendein Zuschauer, behaupten kann, viel verstanden zu haben.

Wenn Gott existiert, ist nichts erlaubt. Was?

Wenn Gott...

Herrgott nochmal, kommst du?

Was treibst du mit dieser Nutte? Nein, Onkel Gabriel, nicht so.

Sobald er da ist, vergess ich den Text. Der Kerl ist wirklich eine Null.

Hast du die Liste?

Die Liste von was?

Er will alles verstehen.

Wie die anderen.

Kann nicht mal seinen Hund an der Leine halten.

Wie die anderen.

Hat Angst vor dem Loch.

Wie die anderen.

Wählt seine Krawatten schlecht aus. Null gleich Null.

Vergisst das Vertrauen.

Das ist kein Fehler, mein Lieber.

Was ist die Gemeinsamkeit zwischen Null und Maria?

Marias Körper. Antworte du Null!

Versteh nicht.

Er trägt eine Blindenbrille, dieser Idiot. Versuch mal, der Bewegung zu

folgen. Mit den Augen, du Arschloch!

Maria muss beschützt werden.

Man wird über mich lachen.

Jemand anders hat sie geschwängert. Wir sind nicht jemand anders.

Man muss Vertrauen haben.

Hab keins mehr.

Und die Liebe, du Trottel!

Sag mir, dass du mich liebst.

Ich liebe dich.

Nein.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich.

Maria, ich liebe dich doch.

Warum denn?

Weil

weil das Gesetz ist.

Hast du jetzt verstanden?

Ja, ich werde mich opfern.

Arschloch!

Erstens ist ein Loch kein Loch, und das Tabu erspart das Opfer.

Aber warum?

Weil das die Regel ist.

Josef ... ich liebe dich.

Ist das „ich liebe dich“?

Ist es das ... das?

Ich liebe dich

Literatur

Fançoise Dolto, L’Evangile au risque de la psychoanalyse. Editions Universitaires, Paris 1977

art press, spécial Godard, No 4, Paris Déc. 84- Janv. 85

Dialogliste (deutsche Untertitel) von Je vous salue, Marie.

Symptom i „Anzeichen; Krankheitszeichen; Kennzeichen, Merkmal; Vorbote”: Gelehrte Entlehnung des 18. Jh.s aus gr. sym-ptōma „Zufall; vorübergehende Eigentümlichkeit; zufälliger Umstand einer Krankheit“. Das zugrunde liegende Verb gr. sym-plptein „zusammenfallen, -treffen; sich zufällig ereignen” ist ein Kompositum von gr. piptein „fallen” (dazu als Nominalbildung gr. ptöma „Fall”), das etymologisch mit dl. —* Feder verwandt ist. - Abi,: symptomatisch „bezeichnend; alarmierend; Krankheitsmerkmale zeigend” (Ende des 18. Jh.s; nach gr. symptömatikds „zufällig“).

SYMPTÔME [itpcom]. n. m. (1338 ; sinthome, v. 1370; Ut. méd. symptoma; gr. sumptôma). 1° Phénomène, caractère perceptible ou observable lié À un état ou A une évolution (le plus souvent morbide) qu’il permet de déceler. V. Indice, aigue. Symptômes subjectifs : troubles perçus et signalés par le patient. Symptômes objectifs, découverts par le médecin. V. Signe. Ensemble de symptômes. V. Syndrome. Symptôme avant-coureur. V. Prodrame. « Une migraine, ce n’est pas une maladie, c’est un symptôme... » (Mart. du G.). Symptôme pathognomonique, caractéristique d’une maladie. * 2° Ce qui manifeste, révèle ou permet de prévoir (un état, une évolution). V. Marque, présage, signe. « Les symptômes de l’admiration et du plaisir viennent se mêler sur mon visage avec ceux de la joie » (Dider.). « Les symptômes avant- coureurs d’une crise » (Taine). — Ling. Fonction de symptôme du signe.

Autrement dit, Marie désire. Elle sait, par l’interven tion de l’Ange (là c’est une manière de parler mythique), qu’elle deviendra enceinte. Mais, comment? Elle n’en sait rien. Mais, comme chaque femme, elle espère, elle désire être enceinte d’un être exceptionnel.

Quant à Joseph, il sait par l’initiation reçue dans son sommeil, que pour mettre au monde un fils de Dieu, il fallait que l’homme se croit y être pour très peu.

Nous sommes loin, voyez-vous, de toutes les histoires de parturition et de coït Ici est décrit un mode de rela tion au phallus symbolique, c’est-à-dire au manque fon dament al de chaque être. Ces évangiles décrivent que l’autre, dans un couple, ne comble jamais son conjoint, que toujours il y a une déchirure, un manque, une impossible rencontre, et non pas une relation de posses sion, de phallocratie, de dépendance.

Johannes Fehr
1957, Assistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
Hans Peter Bühler
1949, Lehrer und Verleger (Seedorn-Verlag), lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
Peter Schneider
1953, Journalist, Theater- und Filmmitarbeit, ehemaliger Mitherausgeber von CINEMA, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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