ANDREAS BERGER

DIENSTVERWEIGERER LANZ (TOBIAS WYSS)

SELECTION CINEMA

Er hat zwar, wie das der Filmtitel unmissverständlich ausdrückt, den Militärdienst verweigert und hat auch, wie es in der Schlusseinstellung des Films zu sehen ist, an der Friedensdemonstration im Spätherbst 1983 in Bern teilgenommen, entspricht aber in keiner Weise den landläufigen Klischees vom militanten Antimilitaristen und subversiven Vaterlands Verräter: Ueber 800 Diensttage hat Niklaus Lanz absolviert, galt als „zäche Lütnant“ (so ein ehemaliger Rekrut und jetziger Feldwebel), bis er im Alter von 42 Jahren nicht mehr in den Ergänzungskurs einrückte, wofür er fünf Monate im Gefängnis verbringen musste und von der Armee ausgeschlossen wurde. Er gibt sich nicht sehr wortreich über die Motive zu seinem Schritt, und wenn er spricht, dann fasst er seine Ueberlegungen noch immer in militärisch knapper Sprache ab. Analytische Studien über die Kriege in Korea und Vietnam, die fehlende Bereitschaft zum Schiessen und Töten der meisten Soldaten auch im Ernstfall sowie ein aufwühlendes Ferienerlebnis mit einer von einem Lastwagen halbzerquetschten, schreienden Katze, die ihn seine eigene Tötungshemmung hautnah erfahren liess, gibt er als treibende Gründe für seine Verweigerung an. „Einer muss endlich anfangen, abzurüsten,“ sagt er und legt konsequenterweise die Waffe nieder.

Der anklagende Staatsanwalt verschanzt sich hinter Paragraphen, spricht von „Ueber- zeugungstäter“ und „Wiederholungsgefahr von Rechtsverletzungen“; er begreift den Zeichenlehrer Lanz ebensowenig wie die beiden Pfarrer und sein ehemaliger Kompaniekommandanten, die zwar alle Respekt und Achtung für Lanz’ Entschluss aufbringen, aber voll hinter der Armee stehen. Auf mehr Verständnis trifft er bei seinen Eltern und ehemaligen Schulkameraden.

Dienst Verweigerer Lanz verlässt das Gefängnis: Am Entlassungstag hat Tobias Wyss, im Militär selber Oberleutnant, sein filmisches Tagebuch über Niklaus Lanz’ erste Zeit nach Absitzen seiner Strafe begonnen. Das Material aus sieben Drehtagen montierte er zu einer ebenso schlichten wie subtilen Erzählung, die prägnant und einsichtig das gesellschaftliche Umfeld der Porträtierten schildert. Da die wenigsten unter den Befragten geübte Redner sind, hat Wyss ihnen geduldig Zeit gelassen, sich zu formulieren; er hat niemanden gedrängt, hat Schlagwörter und Gemeinplätze vermieden. So ist ihm zu einem emotionsgeladenen Thema ein sachlicher Beitrag gelungen. Weil nicht zuletzt auch die Subjektivität des Filmemachers und des Filmemachens offen eingestanden wird, ist der Film viel persönlicher geworden als das bei Fernsehreportagen üblich ist.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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