ANDREAS BERGER

WARTEFRIST (CLAUDIA SOMMARUGA, VRENY WIGGER)

SELECTION CINEMA

In der ohnehin spärlichen Dokumentarfilmproduktion dieses Jahres muss der mittellange Film von Claudia Sommaruga und Vreny Wigger zwangsläufig auffallen. Es vermittelt einen ebenso mitleidlosen wie neugierigen, kalten wie hilflosen und hilflos machenden Blick in ein geriatrisches Pflegeheim. In geduldigen Aufnahmen beobachtet die Kamera den Alltag von Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden: zerfallende Körper, äusser Kontrolle geratene Motorik, letzte Reste von Kommunikation, Erinnerungen und Bedürfnissen, akustisch begleitet von einer stammelnden Stimme, die gegen Schluss in ein unverständliches, nur noch aus zerhackten Silben und Buchstaben bestehendes Röcheln übergeht.

Kein Kommentar schafft Distanz zum Geschehen, keine Problematik und keine Kritik an irgendeiner Institution bieten sich an als Aufhänger in diesem traurig-monotonen Sterbensreigen. Der Tod als Thema ist Tabu für den Grossteil schweizerischer Filmemacher; Claudia Sommaruga und Vreny Wigger brechen das Schweigen mit einem naturwissenschaftlich nüchternen Film, dessen Direktheit schmerzlich wirkt.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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