ANDREAS BERGER

DIE SCHWARZE SPINNE (MARK M. RISSI)

SELECTION CINEMA

Mark M. Rissi, mit Filmen und Reportagen wie De Grotzepuur, Brot und Steine und Pelztierfarmen in Finnland ausgewiesen als rühriger und filmhandwerklich biederer Tierschützer und Sozialhelfer, hat sich jenes Stoffes von Jeremias Gotthelf angenommen, den wohl jeder irgendwann in der Grundschule hat lesen müssen. Die Fehlkonzeption des Films beginnt damit, dass Rissi Gotthelf beim Wort nimmt, obwohl doch jedem Grundschüler eingebleut wird, dass die titelgebende Spinne als Symbol für die Pest zu interpretieren sei: Da platzen bei Rissi doch tatsächlich wie in miesen Zweit- und Drittklasshorrorfilmen menschliche Gesichter auf, und gruselige Spinnen krabbeln aus blutigen Wunden, um Unheil und Schrecken zu verbreiten. Wenn hingegen der Ex-Präsentator der volkstümlichen Fernsehunterhaltungssendung, Chumm u lueg, Henrik Rhyn, als Leibhaftiger in persona erscheint, ist einem eher zu schadenfrohem Grinsen zumute ob soviel unfreiwiliger Komik. Und nicht genug damit, dass Rissi Gotthelfs Geschichte zu einem ziemlich wirren, konturlosen Bilderbogen degradiert, den auch eine ebenso illustre wie hölzern agierende Starbesetzung nicht erträglicher macht, er muss auch auf Biegen und Brechen aktuelle Bezüge herstellen, indem er die Story um die Spinne erweitert mit einer in der Gegenwart angesiedelten Rahmenhandlung: Junkies auf dem Turkey machen Remidemmi, zuerst in einem Chemiewerk, wo sie eine Umweltkatastrophe ä la Seveso auslösen, und später bei einem Bauern, wo sie eine zweite Katastrophe provozieren, nämlich die „moderne“ Filmversion der „schwarzen Spinne“, die darin besteht, dass ein völlig verladenes Mädchen vor ihrem inneren Auge Gotthelfs Geschichte Revue passieren lässt.

Christiane F.-Klischees, Umweltverschmutzung, Hollywood-Horror, Ackerschollen und Schulfunk-Gotthelffiguren: Rissi ist nicht der Mann, der das alles unter einen Hut bringen kann, sein Film zerflattert in unterschiedlich geschickt inszenierte Einzelszenen und Bilder. Dennoch wurde Die schwarze Spinne an der Kasse zum erfolgreichsten Schweizer Film des Jahres.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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