ANDREAS BERGER

L’AIR DU CRIME (ALAIN KLARER)

SELECTION CINEMA

„Je me suis séché à Pair du crime. Et j’ai joué de bons tours à la folie“ (Rimbaud, sinngemäss übersetzt etwa: Ich bis in der Luft des Verbrechens reif geworden. Und ich habe dem Wahnsinn manch ein Schnippchen geschlagen).

Ein Film über den Wahnsinn in unserer Zeit, über Kälte, Isolation, Einsamkeit und Befreiung, aber glücklicherweise in einer anderen Optik als gewohnt: L’air du crime ist trotz der glasklaren, streng durchkomponierten Bildern (Kamera: Hugues Ryffel) ein psycho-unlogisches Melodram, eine Kriminalgeschichte, in der manches im Dunkeln bleibt, in der vieles genau, präzis und unmissverständlich gezeigt, aber überhaupt nichts erklärt, begründet und analysiert wird.

Von einem Lag zum anderen verschwindet Georges C., Inhaber eines grösseren Welschschweizer Transportunternehmens; auf einem Fährschiff auf dem Vierwaldstättersee findet sich sein Auto, von ihm selbst fehlt jede Spur. Seine Frau Eléna weigert sich, an einen Unfalltod oder Selbstmord ihres Mannes zu glauben; sie nimmt seine Stelle im Betrieb ein, setzt resolut und gegen den Willen und die Skepsis des Buchhalters ein ehrgeiziges Projekt, den millionenschweren Bau eines zusätzlichen Firmenhauses, in Gang. Georges’ Sohn Robert verlässt vorzeitig eine Konzerttournee, um Nachforschungen über das Verschwinden seines Vaters anzustellen; später kündigt er beim Orchester, um seine wenig befriedigende Musikkarriere endgültig abzubrechen. Er durchschaut schliesslich als einziger, dass Eléna Vaters Firma zielstrebig in den Ruin treibt: erst widersetzt er sich diesen Ansichten, dann wird er zum heimlichen Komplizen.

Bis auf das überflüssige Schlussbild, das etwas erklärt, was für den Verlauf der Handlung ohnehin keine Bedeutung hat, ist L‘air du crime ein für Schweizer Verhältnisse selten raffinierter „mystery crime“. Dabei wird im Grunde genommen überhaupt nichts verschlüsselt, codiert geschildert: Dialog wie Montage sind genau und exakt durchstrukturiert, es fehlt jegliches überflüssige Beiwerk, es gibt keine vom fil rouge abweichende Nebenhandlungen, keinealleserkla- renden Rückblenden. L’air du crime hinterlässt Fragezeichen und Irritation nicht durch bedeutungsschwangere Schwenks und symbolträchtige Standbilder, im Gegenteil: rätselhaft wirkt der Film gerade dadurch, dass seine Bilder nicht mehr bedeuten als sie zeigen.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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