ANDREAS BERGER

MANN OHNE GEDÄCHTNIS (KURT GLOOR)

SELECTION CINEMA

Auf einer Autobahnraststätte greifen zwei Streifenpolizisten einen Unbekannten auf, der nicht spricht und keine Ausweispapiere bei sich trägt. Sämtliche Versuche der Polizei, den Mann zum Sprechen zu bringen, scheitern, trotz Drohungen und Schlägen; der Gerichtsmediziner weiss lediglich die Unversehrtheit der Stimmbänder festzustellen. Der Unbekannte wird weitergeschoben in eine psychiatrische Klinik: Dort bemühen sich mehr und weniger verständnisvolle Helfer und Pfleger wenn schon nicht um Heilung, so doch wenigstens um eine Diagnose, das ist man schliesslich dem guten Ruf des Hauses schuldig. Unmengen verabreichter Psychopharmaka bringen den Unbekannten an den Rand geistiger Delirien, mitnichten aber zum Reden. Seine Zukunft bleibt auch offen, nachdem ihn seine Frau abgeholt hat.

Der dritte Spielfilm von Kurt Gloor ist, wie Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner und Der Erfinder, dem traditionellen Erzählkino verpflichtet. Drehbuch nach monatelangen Recherchen, routinierte Darsteller, die eine starke Geschichte nachvollziehbar machen, ein versierter Profi, Franz Rath, hinter der Kamera: Mann ohne Gedächtnis ist ein perfektes Identifikationskino, wie es in der Schweiz nur selten realisiert wird, wobei der Film allerdings nirgendwo auf spezifisch schweizerische Realität eingeht. Seine Geschichte könnte sich in irgendeinem Land gleich oder ähnlich ereignen.

Nicht nur die Filmfiguren selber projizieren alle möglichen Wunsch- und Angstvorstellungen in den Mann ohne Gedächtnis, auch Gloor selber hat für ihn eine einleuchtende, vielleicht etwas allzu einfache Geschichte erfunden, die zwar nur in sekundenschnellen Flashbacks angetönt wird, der Hauptfigur aber viel von ihrem Geheimnis nimmt. Der Unbekannte war Angestellter in einem Pharmakonzern und experimentierte mit Tieren. Furchterregende Bilder von elektrogeschockten Katzen verfolgen ihn, vermischen sich mit Horrortraumbildern (einmal sieht er seine Frau an den Elektroden hangen) und werden zusätzlich produziert durch nicht immer zimperliche psychiatrische Heilungsmethoden. Die Hauptfigur ist also kein radikaler Gesellschaftsverweigerer, der sich in die hermetisch abgeschlossene Innenwelt einer Klinik zurückzieht (wie etwa der Maler in Melzer) sie ist auch kein Wallraff, der Schreckliches schreiben möchte über barbarische Torturen in Klinikhinterzimmern, sondern „bloss“ ein ganz normaler Neurotiker, dem der Beruf einen Kollaps verursacht.

Trotz dieses einfach durchschaubaren Handlungsmusters ist Gloors Film vor allem in der ersten Hälfte ein gleichermassen aktuelles wie spannendes Stimmungsbild der Gegenwart; Gloor erfüllt redlich den klassischen Anspruch des Künstlers, seine Gesellschaft und ihre Institutionen kritisch zu beobachten.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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