ANDREAS BERGER

DER GEMEINDEPRÄSIDENT (BERNHARD GIGER)

SELECTION CINEMA

Ein Film über den real existierenden Liberalismus: „Bi üs hets uf de rote Fahne geng no es wisses Chrüz ir Mitti.“

Hans Sturzenegger, verwitwet, Mitglied der tonangebenden liberalen Ortspartei, ist Gemeindepräsident in einer jener Vorortsgemeinden, die nicht mehr Dorf und noch nicht Stadt sind. Hinter Kühen, Heuwagen und Bauernhäusern, die wie Relikte aus einer anderen Welt erscheinen, erheben sich gross und pompös massengefertigte Betongrossbauten, und sporadisch eingeblendete Bilder von alles überragenden Baukranen machen klar, wie die Entwicklung weitergehen wird. Sturzeneggers Alltagstrott wird durchbrochen von einer Gruppe jugendlicher Hausbesetzer, die ein seit Jahren leerstehendes Gebäude in Beschlag nehmen und einen von Sturzeneggers Parteifreunden, den Unternehmer Fröhlich, als hinterhältigen Bauspekulanten entlarven. Zusätzlich verunsichert wird Sturzenegger durch die Beziehungsgeschichte seines schwulen Freundes Arthur, der sich aus Liebeskummer in den Tod fallen lässt: jetzt gerät der Gemeindepräsident auch noch in den Verdacht, „anders“ zu sein. Aber nicht nur die Vorurteile und Borniertheit seiner Umgebung machen Sturzenegger immer schwerer zu schaffen, sondern auch eigene Hilflosigkeiten, Aengste und Inkonsequenzen. „Manchmal habe ich Angst, dass die Politik eines Tages nur noch von den extremsten Seiten gemacht wird. Aber so kann die Demokratie abdanken“. Sturzenegger demissioniert.

Seinem nach Winterstadt zweiten Film stellt der Berner Bernhard Giger ein Zitat aus Gottfried Kellers Martin Salander voran: „Ich glaube, es würde vieles erträglicher werden, wenn man weniger selbstzufrieden wäre bei uns und die Vaterlandsliebe nicht immer mit der Selbstbewunderung verwechselte.“ Damit wird nicht nur ansatzweise die Thematik des Films umrissen, sondern gleichzeitig auch die formale Gestaltung des Films angsprochen: „Und als ich schliesslich Martin Salander gelesen hatte — ein Buch, von dem mir früher niemand gesagt hatte, dass es einmal geschrieben wurde —, wusste ich: so einen Film möchte ich drehen, einen Film, der wie Salander (wie Keller) einen Gang in das Volk tut. Einen Film, der heute vieles wiedererkennt, was einst schon Salander bedrückte.“ (Giger)

Der Gemeindepräsident ist ein im besten Sinn des Wortes volkstümlicher Film, der mit seiner streng linearen Erzählweise dem alten Schweizer Film nahe ist, da Giger im Gegensatz zu den meisten Autoren des neuen Schweizer Films auch einen Kurt Früh reflektiert, der aber gleichzeitig meilenweit entfernt ist vom biederen und verlogenen Heile-Welt-lmage helvetischer Kinovergangenheit. Giger ist ein sensibler, akribischer Beobachter seiner Zeit, seiner Mitmenschen; seine Beobachtungen und Erfahrungen hat er eingewoben in eine spannende, unterhaltsame, präzise und differenzierte Kinogeschichte. Dass er vieles nur beiläufig antönt und nicht breit ausmalt, ist ihm von verschiedenen Seiten her zum Vorwurf gemacht worden: Von (rechten) Gemeindepräsidenten war zu vernehmen, dass „Politik nicht so schmutzig ist, wie sie im Film dargestellt wird“, (linken) Schwulen erschien Arthurs Geschichte als zu deprimierend, militanten Hausbesetzern die Besetzerepisode zu oberflächlich. Wie wenn es gälte, Sturzeneggers Befürchtungen zu bestätigen, dass Politik (und Filme sind ja Politika ersten Ranges) nur noch von den extremsten Seiten gemacht wird. Giger indes ist kein Radikaler; er packt zwar „heisse“ Eisen an, aber er bringt sie vorsichtig zur Sprache. Der Gemeindepräsident ist ein ruhiger, stiller Film, denn „kleine Geschichten, glaube ich, können nicht mit grosser Kelle angerührt werden“ (Giger), ein sehr schöner Film über die Enge in landschaftlichen Gegebenheiten wie in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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