ANDREAS BERGER

ANNA (ANGELO DE ROTA, JÜRG EGLI, JÖRG HELBLING, HELENA VAGNIERES, PIUS MORGER, TOMI STREIFF, SU MEILI, CÉCILE WECK, TANJA STÜCKLIN, GABRIEILE BAUER, MANUEL SIEBENMANN)

SELECTION CINEMA

Die Idee ist eigentlich grossartig: Statt sich gegenseitig die spärlichen Herstellungsbeiträge streitig zu machen, haben sich zwölf Nachwuchsfilmer im Raum Zürich zusammengefunden zu einer gemeinsamen Produktion. Dass es dabei zu erweichen Reibereien gekommen ist, spürt man dem sprunghaften Film deutlich an, der aber gerade in seiner Zerrissenheit zum Spiegel nicht nur für seine Macher wird.

Ein gewöhnlicher Omnibusfilm ist Anna nicht geworden, obschon auch die Absicht, den Film im Interesse einer einigermassen einheitlichen Bildsprache von einem Kameramann, Hans X. Hagen, fotografieren zu lassen, aufgegeben worden ist. Einzige Konstante in den schliesslich elf realisierten Episoden ist somit die Titelheldin Anna. Sie verkracht sich gleich nach Ankunft in ihrer Wohnung mit Mann und Kind und sucht das Weite. Im Hinblick auf mögliche Nachforschungen durch den frustrierten Gatten verkleidet sie sich als Nonne. In diesem Gewand trifft sie ihren Freund, mit dem sie eine romantische Nacht verbringt, in deren Verlauf sich der durchschnittliche Jüngling in einen hübschen Beau verwandelt. In ihrer ungewöhnlichen Kostümierung erleben die beiden weitere Abenteuer. Später gerät Anna noch in eine ziemlich konfuse, undurchsichtige Agenten- und Kriminalaffäre.

Diese Inhaltsangabe kann nicht mehr als eine notdürftige Skizze der turbulenten Filmhandlung wiedergeben: Slapstick, Groteske und Kinoparodie stehen da direkt neben alptraumhaft Gegenwärtigem, Betonhorror und Beziehungsreflexionen; das übliche Raum/Zeit-Kontinuum wird mehrmals durchbrochen, etwa wenn sich Anna und ihr Freund von einer halbfertigen Autobahnbrücke in die Tiefe stürzen und in einem kilometerweit entfernten See untertauchen. Der phantasievoll gemachte Film gehört so zu den gelungensten Super-8-Spielfilmen des laufenden Jahres. Mehr als fraglich ist hingegen, ob dem Experiment Signalwirkung zugeschrieben werden kann und es also mehr als nur eine einmalige Notlösung ist.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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