ANDREAS BERGER

BLINDGÄNGER (FOSCO DUBINI, DIETRICH LEDER)

SELECTION CINEMA

Für die Schweiz und ihre militärische Verteidigung sind zwar keine Pershings II und Cruise Missiles vorgesehen, trotzdem ist mit der weltweiten nuklearen Auf- und Nachrüstung auch hierzulande die Friedensbewegung beträchtlich gewachsen — eine Entwicklung, die das Schweizer Filmschaffen bisher kaum oder nur nebenbei wahrgenommen und vor allem so gut wie gar nicht reflektiert hat. Auch in dem pazifistischen, in der BRD realisierten Dokumentarfilm Blindgänger des Tessiner Fosco Dubini und des Deutschen Dietrich Leder kommt die Friedensbewegung nur am Rande vor, was rückblickend als richtig erscheint: In Deutschland — wie auch in anderen NATO-Mitgliedstaaten — sind die Raketen trotz phänomenaler Massenproteste stationiert worden.

Blindgänger ist konzipiert als filmisches Protokoll einer Spurensuche. Ueber — in Substanz und Aussage grundverschiedene Fotos, Texte, Akten, Interviews denken die beiden Autoren öffentlich nach über den Massenwahnsinn Krieg in Vergangenheit und Gegenwart, wobei sie einfache Schlüsse und abgedroschene Gemeinplätze durchwegs vermeiden. Mehr als Friedensdemonstrationen interessieren die Autoren Ueberbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Ruinen etwa, die noch nicht beseitigt sind, oder Geschosseinschläge in noch bestehenden Bauten, die kaum mehr jemand bewusst wahrnimmt, die dem sogenannten „Volksempfinden“ entrückt sind, obwohl sie unübersehbar an die Schrecken der Nazizeit erinnern. Der Schrecken ist selbstverständlich geworden, selbstverständlich auch für die Filmautoren und ihr Fotoarchiv, in dem sich Bilder von gegenwärtigen Kriegen zu Tausenden anhäufen. Blindgänger ist nicht einfach eine naive pazifistische Selbstdarstellung, sondern bietet ein widersprüchliches Bild seiner Macher, die ihr Gefühl der Ohnmacht angesichts nicht abbrechender menschlicher Selbstzerstörung in grossen und kleinen Kriegen offen zugeben.

Falsch und irreführend allerdings sind ihre Ueberlegungen über das berühmte Foto aus Tay Ninh (Vietnam), das schreiende Kinder zeigt, die aus einem mit Napalm bombardierten Dorf flüchten. Sie schreien mit Sicherheit nicht wegen der Fotografen, wie das die Filmautoren behaupten. Die Szene (mit leicht verändertem Blickwinkel) ist auch filmisch festgehalten worden, man hat den entsprechenden Filmstreifen etwa in Peter Krebs’ schockierender Reportage Kinder in Vietnam (1983) sehen können. Abgesehen davon ist es absurd, anzunehmen, dass Kleinkinder, die eben erst einer Dorfvernichtung entgangen sind, sich durch die blosse Anwesenheit einiger Foto- und Filmkameras verängstigen lassen sollen; es ist fraglich, ob sie nach ihren Schockerlebnissen die Fotografen überhaupt bewusst wahrnehmen können.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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