ANDREAS BERGER

L’HOMME ET LE TEMPS (ALVARO BIZZARRI)

SELECTION CINEMA

Nach wie vor wird Alvaro Bizzarri vor allem mit dem 1972 entstandenen Lo stagionale identifiziert, obschon der Filmemacher seither nicht untätig geblieben ist. Weil sein Erstling so stark eingefahren ist, wird jeder neue Film des unbequemen Autors an ihm gemessen: „Die,Ausdruckskraft dieses Notschreies“ (Beatrice Leuthold), eine jede Sentimentalität vermeidende Naivität, hat Bizzarri in seinen späteren, nun bewusster gestalteten Filmen Il rovescio della medaglia (1974) und Entwurzelung und Hoffnung (1976) nicht mehr erreicht. Dabei wäre der Ausgangspunkt in beiden Fällen ergiebig: dem offiziellen Gesicht der Stadt Biel werden die an Konzentrationslager erinnernden Barackensiedlungen der italienischen Saisonarbeiter gegen übergestellt, die,Rückseite der Medaille’; poetische Texte von Italienern, die im Ausland arbeiten, werden visualisiert. Doch gerät Bizzarri der eine Film zum wortreichen Traktat, der andere nähert sich dem Kitsch.“ (Wilhelm Roth, Film in der Schweiz).

Daran wird auch L’homme et le temps nicht viel ändern, den optisch wenig unterscheidet von den üblichen Fernseh-Reportagen, der aber beträchtlich davon abweicht: Bizzarri spricht auch hier unüberhörbar seine sozialistischen Hoffnungen aus.

Dialektisch kann man den klar strukturierten Film freilich nicht nennen. Bizzarris Vertrauen in die Ueberzeugungskraft dokumentarischer Bilder ist ungetrübt, er formuliert keine Zweifel an der aufrüttelnden Wirkung dieser Bilder und verzichtet auf Reflexionen der eigenen Arbeit. In einem ersten Teil fasst er kurz die Geschichte der Schweizerischen Uhrenindustrie zusammen und widmet sich dann ausführlich der aktuellen Situation in der Uhrenregion des Jura. Mit Kamera und Mikrofon hat sich Bizzarri umgesehen in Arbeitsämtern, bei den Arbeitslosenschlangen vor Stempelschaltern, in Gewerkschaftsversammlungen, lächerlichen Umschulungskursen, bei den Behörden und während Demonstrationen. Daraus resultiert kein trockener Sozialhelferfilm, sondern ein sozialer Klimavermessungsfilm, der neben dem Unbehagen, der Resignation und Wut auch starke Hoffnungen und ungebrochenen Lebens- und Kampfeswillen konstatiert: L’homme et le temps ist nicht nur der Versuch einer differenzierten Bestandesaufnahme eines komplexen gesellschaftlichen Konfliktes; er ist mit der klaren Stellungnahme Bizzarris vielmehr aktiver Teil dieses Konfliktes.

Andreas Berger
Geboren 1961 in Bern. 1981-82 Geschichtsstudium Universität Bern. 1982-83 Jusstudium Universität Bern. Seit 1980 Filmkritiker für Bund, Zoom und Sonntagszeitung. Eigene filmische Gehversuche ab 1979.
(Stand: 2019)
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