KATJA ZELLWEGER

INSULAIRE (STÉPHANE GOËL)

Das lebendige Vorbild Robinson Crusoes, Alexander Selkirk, überlebte auf der Insel 1704 ganze vier Jahre. Die nach seinem literarischen Abbild benannte Insel ist die grösste und einzige bewohnte Insel von den dreien des chilenischen Juan Fernandez Archipels. Die Insel, ihre Einwohner und der Schweizer Inselgouverneur Alfred von Rodt, Berner Aristokrat, werden im Film Insulaire vom Lausanner Regisseur Stéphane Goël dokumentiert. Von Rodt, der als Robinson II signierte, war ein kriegsversehrter Draufgänger und gewillt, die Alpen durch den Ozean zu ersetzen. Wie es ein direkter Nachfahre von Rodts ausdrückt, habe es ein «hohes Niveau an Wahnsinn» gebraucht, um an diesem Ort ein neues Leben – ja gar eine Kolonie – gründen zu wollen. Denn obwohl die Inselgruppe auf der Höhe von Valparaiso gelegen ist, muss man dem unwirtlichen Klima ausser der frischen Luft, den Ziegen, den Langusten und der schönen Aussicht ziemlich viel abtrotzen. Karge aber atemberaubende Felsklüfte ragen aus dem Meer, die natürliche Farbpalette beschränkt sich auf dunkles Meerblau, helleres Himmelblau sowie viele beige, braune und olivfarbene Töne. Ansonsten verfügt die 1574 entdeckte, teils als Häftlingsinsel genutzte und seit 1877 besiedelte Insel über 4% bewohnbare Inselfläche – hauptsächlich Steilhänge bis knapp 1000 Meter –, eine Hauptstrasse namens De Rodt sowie eine Brombeeren- und Kaninchenplage. Seit dem Tsunami von 2010 macht den «Insulanern» auch ein rasanter Einwohneranstieg von 35% zu schaffen. Über 1200 Menschen bewohnen mittlerweile die einzige verzettelte Hüttenstadt des Archipels namens San Juan Bautista.
 
Gekonnt und stimmig vermischt Goël fiktionalisierte aber auf Briefen aus dem Berner Burgerarchiv basierende Aufzeichnungen von Rodts mit Aussagen seiner direkten Nachfahren. In der deutschen Filmfassung liest Autor Pedro Lenz aus den poetischen Aufzeichnungen (Antoine Jaccoud), in der französischen Originalversion Mathieu Amalric. Die stringente Verwebung der beiden Erzählstränge fördert Stück für Stück die Phasen von Identitätsbildung zu Tage: Waren es anfangs Abenteurer jeglicher Abstammung, die sich für eine karge Abgeschiedenheit entschieden – sind heute deren Nachfahren besorgt um ihre Privilegien. Neuankömmlinge nennen sie wie die invasive Plage, die diese vom Festland mitgebracht haben: «Plasticos». Doch Jaccouds Text verdeutlicht: «Diese Verbindung mit dem Kontinent war unsere Nabelschnur. Man wollte sie durchschneiden […] Weil man sich einbilden wollte, das Inseldasein bedeute vor allem Unabhängigkeit.» Mit dieser mehr beobachtenden als wertenden Darstellung macht Goël das, was er filmisch am besten kann: Er beleuchtet feinfühlig Kämpfe und Grenzen einer utopischen Idee und bringt sie mit der Schweiz in Zusammenhang.
Katja Zellweger
*1986, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Bern, arbeitet als Redaktorin der Berner Kulturagenda, 2014 - 2017 als Produktionsleitung und Teil der Programmationsgruppe im Schlachthaus Theater Bern tätig, davor wissenschaftliche Mitarbeit im Robert Walser-Zentrum Bern, Co-Gründung des Dislike. Magazin für Unmutsbekundung, einem Format, das die Mannigfaltigkeit von Kritik zelebriert. Schreibt seit der Teilnahme an der Critics Academy Locarno Filmkritiken für Filmexplorer.ch und Filmbulletin und Cineman, in Bern vor allem im Kino Rex anzutreffen.
(Stand: 2018)

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