SELINA HANGARTNER

LA PETITE MORT (ANNIE GISLER)

Vulkanausbrüche, Blüten, Palmenblätter, süsser Jell-O, bunte Farbspritzer, zerfliessende Eiscrèmes: In einer Montage von bunten, lustvollen, beinah stroboskopischen Aufnahmen, mit Überblendungen und Doppelbelichtungen inszeniert, scheint Regisseurin Annie Gisler zu Beginn von La petite mort nach ihrem visuellen Vokabular zu suchen, um die weibliche Sexualität, besonders den Höhepunkt in Bilder übersetzen zu können. Dann gehört das Wort fünf Frauen, die in Close-ups – aber entspannt – abwechselnd von ihren Erfahrungen sprechen. Ihre Aussagen sind zugleich amüsant und aufschlussreich, besonders weil die Frauen – von denen ausser Vorname, Alter und einigen sexuellen Vorlieben nichts preisgegeben wird – aus unterschiedlichsten Lebenslagen zu kommen scheinen. Manchmal widersprechen sie sich, haben aber jenseits ihrer verschiedenen sexuellen Orientierungen und Vorlieben doch auch vieles gemein. Den eigentlichen Höhepunkt übersetzen sie in fantasievolle Metaphern und Begriffe: Als «mélange» – eine ultimative Übereinkunft von Seele und Körper – beschreibt eine Frau ihren Orgasmus, eine andere als «guerre» – ein Krieg voller Explosionen – für die dritte ist er schlicht eines ihrer Grundbedürfnisse.
 
Annie Gisler, die selbst auch von ihren Erfahrungen berichtet, an die Frauen aber nur Fragen stellt und an diesen entlang den Film strukturiert, handelt so beinahe «en passant» einige Themen ab, die im Kontext weiblicher Lust Diskussionspotential liefern: Eine der Frauen berichtet etwa, wie der Sexualunterricht in der Schule damals für die Mädchen allerlei Warnhinweise lieferte, ohne über Lust und Freude zu unterrichten; über die kulturelle Programmierungen wird geredet und über gesellschaftliche Erwartungen; gute Liebhaber sowie der Wert, sich selbst gut zu kennen, werden diskutiert. Der Film redet der Befreiung weiblicher Sexualität das Wort, ist erfrischend, unprätentiös, kaum belehrend. Der Höhepunkt bleibt im gewissen Sinne auch zum Ende hin ein Mysterium, das – so ist den unterschiedlichen Geschichten und Eindrücken zu entnehmen – jede Frau für sich selbst lösen mag.
 
Zum Schluss von La petite mort treffen sich die fünf Frauen und die Filmemacherin auf ein Glas Prosecco und posieren gemeinsam für ein Gruppenportrait: Ein schönes Bild, das die harmonische, vertraute Stimmung des Films gut zu spiegeln vermag. Gisler, die das Filmemachen an der ZhDK und dann in Buenos Aires und Madrid studiert hat, ist mit ihrem ersten längeren Film nach den beiden Kurzfilmen Célestine und La dimanche en famille (beide 2013) ein elegantes, intimes Portrait des anhaltenden «Mysteriums» der weiblichen Sexualität gelungen.
Selina Hangartner
Assistentin und Doktorandin
*1990, studierte Film-, Politik- und Publizistikwissenschaft. Als Assistentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin lehrt und arbeitet sie am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Derzeit schreibt sie eine Dissertation zum Thema Selbstinszenierungen des frü­hen Tonfilms.
(Stand: 2018)
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