DOMINIC SCHMID

CEUX QUI TRAVAILLENT (ANTOINE RUSSBACH)

Auf wessen Seite er stehen will, fragt Frank seinen ihm zu wenig ambitionierten Sohn, als dieser morgens wieder einmal etwas länger braucht, um aus dem Bett zu kommen: auf jener derer, die arbeiten, oder jener der «anderen»? Er selbst, soviel wird schnell klar, lebt trotz seiner vier Kinder hauptsächlich für seine Arbeit. Von seinem tristen Büro aus chartert er Frachtschiffe für internationale Unternehmen und sorgt dafür, dass alles so reibungslos funktioniert, wie es der globalisierte Neoliberalismus vorsieht. Als eines Nachts sein Telefon klingelt und Frank eine Entscheidung zwischen Menschlichkeit und eben jener Effizienz treffen muss, die in diesem Leben bzw. in diesem System über allem steht, zögert er nicht allzu lange. Wie beiläufig verfügt er am nächsten Tag, während er seine jüngste Tochter Mathilde von der Schule abholt, über ein Menschenleben auf der anderen Seite der Erde.
 
Dummerweise wird die Sache publik, seinem Arbeitgeber droht ein herber Imageverlust. Erneut im Sinne der Effizienz wird die (vollkommen heuchlerische) Entscheidung getroffen, Frank zu entlassen. Für Frank, der zu jenen gehört, «die arbeiten», die schlimmstmögliche Katastrophe. «Das Leben ohne Arbeit – ich weiss nicht was das ist.» Ohne seine Familie zu informieren, die sich schon lange an den Kompromiss eines hohen Lebensstandards auf Kosten der Präsenz des Vaters gewöhnt hat, macht sich Frank auf die Suche nach einer neuen Stelle, wobei er feststellen muss, dass sich sein amoralisches Handeln bereits herumgesprochen hat. Doch während ihm die «traditionellen» Möglichkeiten jetzt verwehrt sind, eröffnen sich neue. Auch die Skrupellosigkeit hat ihren eigenen präzisen Marktwert. Bevor sich Frank entscheidet, steht aber noch der «Zukunftstag» bevor, an dem Mathilde ihren Vater auf seiner Arbeit begleiten soll.
 
Mit seinem zweiten Langspielfilm legt Antoine Russbach ein spannendes und in seiner Darstellung von neoliberaler Kälte auch durchaus sozialkritisches Drama vor. Olivier Gourmet schafft es seiner Figur Frank, dem durchaus ein gewisser Symbolcharakter anhängt, doch so viel Persönlichkeit zu verleihen, dass man ihn, wenn auch nicht unbedingt mögen, dann doch verstehen kann. Was Ceux qui travaillent vor allem gelingt – und das ist ziemlich selten – ist, den ganzen gesichtslosen Funktionären und dem Funktionieren des Neoliberalismus eine Form zu verleihen, die erkennbar ist. So zeichnet sich der Film am Ende durch genau jene Attribute aus, die Frank bei der Erstellung seines psychologischen Profils zu besitzen verneint: Empathie, Reflexion, Vorstellungskraft. Das Gegenteil von Franks Profil also, das seinerseits, so versichert es ihm seine Beraterin, hervorragend den aktuellen Marktbedürfnissen entspricht.
Dominic Schmid
*1983. Studium der Filmwissenschaft, Japano­logie, Politikwissenschaft und Philosophie in Lausanne, Zürich und Berlin. Dazu Kinooperateur und Videothekar. 2003–2009 Vor­stands­mitglied und Präsidium der Filmgilde Biel. 2013–2015 Mitglied der Cinema-Redaktion. Filmkritiken für Filmbulletin, Film­explorer.ch und Cinema Sélection. Lebt in Leipzig.
(Stand: 2018)
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