KATJA ZELLWEGER

DER LÄUFER (HANNES BAUMGARTNER)

Laufen als Ventil, Laufen als Möglichkeit zur Besserung und Kontrolle: Im Film Der Läufer versucht der junge, erfolgreiche Waffenläufer und Koch Jonas Widmer (Max Hubacher) vor seiner dunklen Seite davonzulaufen. Doch häufen sich die von ihm nachts durchgeführten Entreissdiebstähle und steigern sich zusehends in brutale, gewalttätige Übergriffe auf junge Frauen, die mit einem Mord enden.
 
Der erste Langspielfilm des Zürcher Regisseurs Hannes Baumgartner ist der Versuch einer konsequenten psychologischen Einfühlung in das Täterprofil eines Kriminalfalls, der Bern 2002 in Schrecken versetzt hat. Der Film fiktionalisiert die wahre Geschichte um Mischa Ebner und verschiebt die Geschichte ins Jahr 2014. Abgesehen davon hält sich die Erzählung aber sehr nahe an den bekannten Fakten – es werden sogar Kameraeinstellungen von den Aufzeichnungen des ersten Langenfelder Waffenlaufes imitiert, an dem Ebner 1998 siegreich teilgenommen hat. Aber der Spielfilm nutzt hier filmische Mittel und dramaturgische Freiheiten des Genres: Er richtet nämlich die Perspektive auf das Innenleben des ambivalenten Protagonisten und Täters, der seinen Problemen lieber davonrennt, als über sie zu sprechen. Das ist eine mutige und gewinnbringende Perspektive, die gängige Täterdämonisierungen durchbricht. Darum kann der Film einen wertfreien, offenen Schluss zeigen, wie es Dokumentarfilmen unmöglich ist: man sieht Widmer, der bei Tageslicht wie ein gehetztes Tier vor sich selbst und der Erkenntnis seiner Freundin davonrennt.
 
Es folgen konsequent keine Originalaufnahmen, keine weiteren Infos zum Fall und dem realen, geständigen Waffenläufer, der sich noch in Untersuchungshaft das Leben genommen hat. Man sieht lediglich wie sich die Beweislage zuspitzt, was der Protagonist mit entschuldigenden und anklagenden Briefen an die Opfer und die Polizei befördert. Dennoch birgt diese Art der einfühlenden, fiktionalen Nacherzählung auch seine Tücken: Der zunehmend hasserfüllte Wahn gegen Frauen kann fiktional nur teilweise nachfühlbar gemacht werden. In dem Sinne hat der Film aus dieser Not eine Tugend gemacht, indem er den Zuschauer nicht verschont vor dieser zwiespältigen Einschätzung über den Protagonisten.
 
Über der ganzen Erzählung schwebt die Abwesenheit des älteren Bruders, der sich drei Tage nach dem Sieg in Langenfeld das Leben genommen hat und mit dem Jonas seit klein auf ein trauriges Schicksal teilt: sie mussten wegen Verwahrlosung den leiblichen Eltern entzogen werden. Immer wieder rennt also Jonas auch vor seinen Albträumen davon, in denen der Bruder auftaucht, um ihn gleich wieder alleine zu lassen. Regisseur Baumgartner hat sich schon in seinem letzten Film, dem Kurzfilm Teneriffa einer ländlichen Bruderbeziehung angenommen, die schwer in Mitleidenschaft gezogen wird, weil Traumatisches unausgesprochen bleibt. Die realistische, filmische Darstellung von zwischenmenschlichem Sprachverlust, insbesondere unter Männern, die traditionell als männlich konnotierten Tätigkeiten nachgehen, zeigt sich als wichtiges Thema des Regisseurs.
Katja Zellweger
*1986, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Bern, arbeitet als Redaktorin der Berner Kulturagenda, 2014 - 2017 als Produktionsleitung und Teil der Programmationsgruppe im Schlachthaus Theater Bern tätig, davor wissenschaftliche Mitarbeit im Robert Walser-Zentrum Bern, Co-Gründung des Dislike. Magazin für Unmutsbekundung, einem Format, das die mannigfaltigkeit von Kritik zelebriert. Filmkritiken für Filmexplorer.ch, Filmbulletin und Cineman im Rahmen der Critics Academy Locarno, in Bern vor allem im Kino Rex anzutreffen.
(Stand: 2018)

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