BETTINA SPOERRI

SHADOW THIEVES

Der Beruf der Fotograf(inn)en befindet sich bald seit Jahrzehnten unter starkem Druck: Die entsprechenden Technologien sind, obwohl noch immer recht jung, bereits mehrmals neu konzipiert und produziert worden. Besonders grundlegend haben sich der Umbruch von Analog auf Digital, der Erfolg der sozialen Medien und die Massenproduktion von Fotokameras in Mobiltelefonen ausgewirkt, und natürlich die stets gegenwärtige Flut der Bilder in unserem Alltag.
 
Der in Zürich geborene Filmautor Felix von Muralt, Jahrgang 1963, selbst ein Fotograf und im Kino seit über zwei Jahrzehnten als Kameramann bekannt (er hat bis heute u.a. mit Xavier Koller, Rolando Colla, Stefan Schwietert u.v.a.m. gearbeitet), stellt fünf seiner Fotografen-Kollegen ins Zentrum seines ersten langen Kinofilms. Sie arbeiten in Los Angeles, Paris, Medellín, Berlin oder Zürich: Tomo Muscionico, Jean-François Joly, Thomas Kern, Maurice Weiss und Luca Zanetti; fünf Männer, die auf ganz unterschiedliche Weise auf die Digitalisierung und die Bedrohung der qualitativ hochstehenden Kunst- und Presse-Fotografie reagieren. Tomo Muscionico hat sich auf Hochglanzbilder von Prominenten und Showgirls spezialisiert, die Franzosen Maurice Weiss und Jean-François Joly auf Bilder politischer Ereignisse und Politiker bzw. Porträts von Aussenseitern, gesellschaftlichen Randgruppen u.ä.. Luca Zanetti dokumentiert seine Reise auf den Spuren von Che Guevara (beinahe) in Echtzeit mit Bildern und Texten als Social Media Reporter, während Thomas Kern in aufwändiger, sorgfältiger Handarbeit eine Dunkelkammer baut, um auf unabhängige Weise wieder mit analogen Kunst-Techniken arbeiten zu können.
 
Die Gespräche mit den fünf ganz verschiedenen Berufsvertretern drehen sich immer wieder um das Verhältnis von Realität/Welt und Abbild/Fotografie und die bewusste Wahl eines Aufnahmemoments sowie der Festlegung von Bildausschnitt, Licht, Farbe, Stilisierung, Inszenierung, Nachbearbeitung u.a. Auch die Rückkopplung der Reaktion und des Verhaltens der BetrachterInnen und KonsumentInnen auf die Fotografen werden thematisiert, die Bedeutung und der Umgang mit Bildern heute diskutiert. Eine strengere, ja stringentere Dramaturgie hätte diesem vielschichtigen Dokumentarfilm zu einem derart brisanten Thema allerdings gut getan, denn manchmal bleibt Shadow Thieves kreisend, beinahe suchend stehen. Den etwas unentschlossen wirkenden Erzählduktus könnte man aber auch als Spiegel der Verunsicherung der Berufsperspektiven lesen, denn, wie der Film aufzeigt, orientieren sich Fotograf(inn)en heute in alle Richtungen gleichzeitig, und wie die Zukunft des Metiers aussehen wird, ist weniger denn je absehbar.
Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission Filmfestival Fribourg 2010–12, Internat. Jury Fantoche 2013. Heute ist sie freie Schriftstellerin und leitet (seit 2013) das Aargauer Literaturhaus. Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.seismograf.ch, www.aargauer-literaturhaus.ch
(Stand: 2018)
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