BETTINA SPOERRI

A LONG WAY HOME (LUC SCHAEDLER)

Als einer der fünf besten Dokumentarfilme war A Long Way Home 2018 für den Schweizer Filmpreis nominiert – jene Aufmerksamkeit und Anerkennung, gerade auch durch die Branche, hat dieser auf ausführlichen Recherchen basierende und aktuelle politische Fragen aufwerfende Dokumentarfilm sehr verdient.
 
Die Bevölkerung Chinas musste in den letzten Jahrzehnten eine Schockwelle nach der anderen verkraften: nach der Gewalt von Maos Kulturrevolution die brutale Niederschlagung der demokratischen Bewegungen 1989 – Stichwort Tiananmen-Platz – und schliesslich die rasante Entfesselung ökonomischer Kräftefelder seit der Öffnung des Finanzmarktes. Luc Schaedler, der nicht nur Filmautor, sondern gleichzeitig studierter Ethnologe ist, bereist Asien und vor allem China seit vielen Jahren; entstanden sind aus dieser intensiven Auseinandersetzung u.a. seine eindrücklichen Filme Made in Hong Kong (1997) und Watermarks – Three Letters from China (2013). Die noch immer nachwirkende, weitgehend verdrängte und unbewältigte Vergangenheit und die dräuende Zukunft in der überfordernden Gegenwart erörtern in A Long Way Home diesmal ausschliesslich professionelle Künstlerinnen und Künstler. Die Ausdrucks-Tänzerin Wen Hui, der Schriftsteller Ye Fu, der bekannte Animationsfilmer Pi San und die erfolgreichen Gao Brothers geben Einblick in ihre Werkstätten, ihre Inspirationen, ihre Gedanken zu der Gesellschaft, in der sie leben, ihre Befürchtungen, Fragen und Ängste. Ihre künstlerischen Werke befassen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit ihren Familiengeschichten, mit der Geschichte der Körper, der Instrumentalisierung von (Staats-)Bildern; sie thematisieren explizit oder implizit Macht- und Entscheidungsstrukturen und die subkutanen, aber nicht minder spürbaren Folgen transgenerationell übertragener Traumata. Die persönlichen beziehungsweise familiären Geschichten werden zu Erzählungen über die chinesische Seele. Letzten Endes ist ein Weg nach Hause nie mehr möglich, so lange er auch sei – aber der Mut zum Hinschauen, zum Hinterfragen der monströsen Realitäten kann eine Form von Trost sein. Schmerz, Schuld und Verlust, oder auch Humor, Groteske, ein Wille zu Aufbruch und Hoffnung machen sich in den Werken bemerkbar, wenn sie in den Gesprächen tapfer verschwiegen werden.
 
Schaedler gelingt so ein komplexes, tiefgründiges Porträt einer zerklüfteten Gesellschaft, in welcher das Individuum zwischen diktatorischen und neoliberalen Systemkräften zerrieben zu werden droht. Die Kunst macht hier sichtbar, was anders kaum zu fassen ist. Und gleichzeitig weist der Film damit weit über den Fall China hinaus, regt eine fundamentale Reflexion über die enge Interdependenz von Kunst, Politik, Geld und Macht an.
Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission Filmfestival Fribourg 2010–12, Internat. Jury Fantoche 2013. Heute ist sie freie Schriftstellerin und leitet (seit 2013) das Aargauer Literaturhaus. Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.seismograf.ch, www.aargauer-literaturhaus.ch
(Stand: 2018)
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