SIMON MEIER

BUE MY MIND (LISA BRÜHLMANN)

Die 15-jährige Mia (Luna Wedler) ist mit ihren Eltern gerade in eine neue Siedlung in Zürich-Wiedikon gezogen. Überall stapeln sich noch Kartons, die Bagger stellen gerade die Gartenanlage fertig. Mia kommt in eine neue Klasse und ist erstmal eine Aussenseiterin. Von Scheu kann bei ihr aber nicht die Rede sein. Vielmehr ist sie launisch und aufbrausend, vor allem ihrer Mutter gegenüber. Schon nach kurzer Zeit freundet sie sich mit Gianna und deren Freundinnen an. Wie andere Teenager haben sie, von verrücktspielenden Hormonen und einem übersteigerten Selbstbewusstsein gezeichnet, vor allem Unfug, Sex und Drogen im Kopf. Gianna drängt Mia dazu, ein Profil bei einem Online-Dating Portal zu eröffnen. Mia hat aber eigentlich ein ganz anderes Problem, das sie wirklich beschäftigt: Ihr Körper scheint sich auf äussert sonderbare Weise zu verändern. Auf einmal entdeckt sie, dass ein Teil ihrer Zehen zusammengewachsen und mit einer Membran verbunden ist. Es kommen ungewöhnliche dunkle Flecken an ihren Beinen dazu und ein plötzlicher Heisshunger auf rohen Fisch, dem die Zierfische ihrer Mutter zum Opfer fallen. Versucht sie sich zu Beginn noch mit einem Arzttermin zu beruhigen, muss sie bald erkennen, dass es für ihre sonderbare Verwandlung keine medizinische Hilfe gibt. Sie flüchtet sich stattdessen in unverbindlichen Sex, betäubt sich mit noch mehr Alkohol und Drogen.
 
Lisa Brühlmanns erster Langspielfilm zeichnet sich durch die geschickte, allegorische Verknüpfung eines Coming-of-Age-Films mit Elementen des magischen Realismus und des Body Horror aus. Typisch für ein Adoleszenz-Drama sind die Konflikte mit den Eltern, das Überschreiten von gesellschaftlichen Konventionen, etwa wenn Mia mit ihren neuen Freundinnen im Einkaufszentrum Kosmetika mitgehen lässt oder trotz der fehlenden Erlaubnis ihrer Eltern mit auf den Klassenausflug in den Freizeitpark fährt. Für den magischen Realismus kennzeichnend sind die phantastischen, irrationalen Elemente, die Mias Verwandlung thematisieren, aber organisch mit dem Rest der Handlung verbunden sind. Zwar ist Mia entsetzt über ihre unerklärliche Metamorphose und versucht sie soweit wie möglich rückgängig zu machen, doch funktioniert die Phantastik raffiniert als Zuspitzung und metaphorische Überhöhung ihrer adoleszenten Selbstentfremdung.
 
Schauspielerisch sticht die Leistung von Hauptdarstellerin Luna Wedler hervor. Sie schafft es, die wortkarge Mia und das Gefühlschaos, das sie durchläuft, mit grosser Authentizität wiederzugeben. Durch die Verbindung der Pubertätsproblematik mit den phantastischen Elementen gelingt es dem Film, eine vielschichtige Bedeutungsvielfalt zu erzeugen, die gängige Adoleszenzfilme nicht zu vermitteln vermögen. Blue My Mind wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Schweizer Filmpreis für den besten Film und die beste Hauptdarstellerin.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2018)
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