DOMINIC SCHMID

#FEMALE PLEASURE (BARBARA MILLER)

Es scheint keine bedrohlichere Macht auf dieser Welt zu geben als die unkontrollierte weibliche Sexualität. Zu diesem Schluss müsste man zumindest kommen, wenn man sich die unzähligen Methoden vergegenwärtigt, mit denen patriarchale Gesellschaften alles dafür tun, diese «in Schach zu halten». Und wenn durchaus oft mittels religiöser Dogmen gerechtfertigt, zeugt die weltweite Ähnlichkeit dieser Kontrollmechanismen sowie deren Allgegenwart davon, dass sich das Problem nicht allein auf die Religion zurückführen lässt. Dafür, dass auch die angeblich aufgeklärten westlichen Gesellschaften nach wie vor ein grosses «Problem» mit weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung haben, gibt es in aktuellen Debatten wie #MeToo mehr als genügend Beispiele.

Barbara Miller, die bereits mit Forbidden Voices (2012) mittels individueller Porträts allgemeine Missstände sichtbar machte, zeigt nun in #Female Pleasure fünf mutige Frauen aus unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Kontexten, die alle auf ihre Weise unter den sichtbaren und unsichtbaren Auswirkungen des Patriarchats gelitten haben: Deborah Feldman verliess kurz nach ihrer (Zwangs-)Heirat mit 17 Jahren die chassidische Gemeinschaft in Brooklyn und schrieb darüber ein Buch; die Inderin Vithika Yadav gründete eine Onlineplattform zum Thema weibliche Sexualität in einem Land, in dem immer noch täglich hunderte von Frauen vergewaltigt werden; die japanische Künstlerin Rokudenashiko erregt mit 3D-Drucken ihrer Vagina das Ärgernis einer nur scheinbar progressiven Gesellschaft und die ehemalige deutsche Nonne Doris Wagner hat sich nach jahrelangem durch die Kirche gedeckten Missbrauch gegen ihren Peiniger gewehrt und ist aus ihrem Orden ausgetreten.

#Female Pleasure wird keine Originalitätspreise gewinnen. Der Film besteht hauptsächlich aus Talking Heads, die alternierend aneinandergeschnitten werden, ohne dass die einzelnen Sektionen gross miteinander kommunizieren würden. Auch legt er seinen Fokus vielleicht etwas gar stark auf die Religion und weniger auf die gesellschaftlichen Umstände, die nach wie vor der weiblichen Lust viel weniger Raum zugestehen als der männlichen – mit teilweise verheerenden Folgen. All das ändert nichts daran, dass #Female Pleasure einer jener Filme ist, bei denen man sich wünscht, dass er von restlos allen – Frauen wie Männern – gesehen wird. Eine Szene allein lohnt schon den Kinobesuch. Darin führt die somalische Aktivistin Leyla Hussein einer Gruppe von schockierten und zu Tränen gerührten Männern an einem grossen Knetmodell anschaulich und drastisch vor, was bei einer weiblichen Genitalverstümmelung genau passiert. Niemand sollte nach dieser Vorführung jemals wieder das relativistische Argument anführen können, dass es sich dabei eben um traditionelle «Kultur» handle und deshalb zu entschuldigen sei.
Dominic Schmid
*1983. Studium der Filmwissenschaft, Japano­logie, Politikwissenschaft und Philosophie in Lausanne, Zürich und Berlin. Dazu Kinooperateur und Videothekar. 2003–2009 Vor­stands­mitglied und Präsidium der Filmgilde Biel. 2013–2015 Mitglied der Cinema-Redaktion. Filmkritiken für Filmbulletin, Film­explorer.ch und Cinema Sélection. Lebt in Leipzig.
(Stand: 2018)
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