CHRISTINA VON LEDEBUR

LES GARDIENNES (XAVIER BEAUVOIS)

Frankreich, 1915: Während ihre Söhne an der Front kämpfen, hält Hortense mit ihrer Tochter Solange den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie am Laufen. Um besser über die Runden zu kommen, nimmt sie das Angebot des Bürgermeisters an, eine junge Waise als Magd zu beschäftigen. Francine fügt sich rasch in die Frauenrunde ein, ist fleissig und dankbar.

Als Hortenses jüngerer Sohn Georges für einen Urlaub nach Hause kommt, verliebt sich Francine Hals über Kopf in ihn. Schon das ist der Mutter ein Dorn im Auge. Dass Francine bald ein Kind von ihrem Sohn erwartet, ist für Hortense zu viel. Sie jagt ihre Magd vom Hof – und bereut es schon bald bitter. Denn eigentlich hat sie Francine für die Ausschweifungen ihrer Tochter bezahlen lassen, die sich mit einem amerikanischen Soldaten eingelassen hat. Es ist Solange, die für Gerede im Dorf sorgt, nicht Francine. Doch der Fehler ist nicht wieder gut zu machen.

Mit Les gardiennes verfilmte der französische Schauspieler und Filmemacher Xavier Beauvois den gleichnamigen Roman von Ernest Pérochons, erschienen 1924. Gleich mehrere Spielfilme richteten in den letzten Jahren ihren Fokus auf Frauen zu Kriegszeiten, so etwa The Keeping Room (2014) oder The Beguiled (2017). In beiden diesen Beispielen bricht allerdings der Krieg in der einen oder anderen Form in das Haus und das Leben der Frauen ein. In Les gardiennes gibt es den Krieg nur als Erzählung. Der Film widmet sich den Beziehungen zwischen den Frauen unter aussergewöhnlichen Umständen, gleichzeitig auch dem, was sie den ganzen Tag tun. Viele Szenen gelten den einzelnen Arbeitsschritten auf dem Bauernhof, den Schwierigkeiten, die körperlich anstrengenden Aufgaben zu bewältigen.

Die unaufgeregte Erzählweise des Filmes wird unterstützt durch eine ruhige, geradezu bedächtige Kamera. Beauvois hat sich für seine Filmbilder auf das Können von Caroline Champetier verlassen, die bereits seinen Vorgängerfilm Des hommes et des dieux (2010) fotografiert hatte. Ihre Bilder des ländlichen Frankreichs um 1915 sind von betörender Schönheit. Mehrere KritikerInnen warfen Beauvois deshalb vor, der Film grenze ans Geschmäcklerische. Diese Kritik ist durchaus berechtigt, geht Les gardiennes doch die herbe bäuerliche Realität etwa eines God’s Own Country (2017) ab. Der Film besticht dennoch durch seine vordergründig unspektakulären, aber äusserst präzisen Beobachtungen. Zudem wartet er mit einem wunderbaren Schauspielerinnenensemble auf. Angeführt wird es von Nathalie Baye, mittlerweile eine der «Grandes Dames» des französischen Kinos. Neben Bayes Tochter Laura Smet fällt vor allem Iris Bry auf, die bis zu ihrer Rolle als Francine noch nie in einem Film mitgewirkt hatte.
Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin bei Schweizer Radio und Fernsehen.
(Stand: 2018)
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