AUREL SIEBER

INS HOLZ (CORINA SCHWINGRUBER ILIĆ, THOMAS HORAT)

Ins Holz ist eine Meditation. Ohne erklärende Worte erzählt sie von der fast vergessenen Praxis des Flössens. Hier sprechen die Motorsägen, die fallenden Bäume, das knisternde Feuer, die Aussenbordmotoren und natürlich die Förster.
 
Jeden vierten Winter wird in den steilen Bergwäldern am Ägerisee mit traditionellen Methoden geholzt. Anstatt die grossen Tannen über das unwegsame Terrain abzuführen, leitet man sie den steilen Hang hinab direkt in den Ägerisee. Dort werden sie gesammelt und schliesslich, zu einem imposanten Floss zusammengebunden, zur weiteren Verarbeitung über den See geflösst. Diese Praxis ist in Mitteleuropa mittlerweile einzigartig. Der niedrige Holzpreis hat hier eine Tradition am Leben erhalten, die sich standhaft gegen die Modernisierung in der Forstwirtschaft behauptet. Der Kurzfilm ist aus Thomas Horats längerem Dokumentarfilm Vom Flössen am Ägerisee (2016) entstanden. Wie bereits in seinen vorangehenden, längeren Filmen Wätterschmöcker (2010) und Alpsummer (2013) nimmt sich Horat zum Ziel, eine auf Tradition beruhende Praxis resp. Lebensweise zu dokumentieren, deren Zukunft ungewiss scheint. In der Zusammenarbeit mit Corina Schwingruber Ilić ist nun ein kurzer Film entstanden, in dem kein Wort und kein Bild zu viel scheint. Der Rhythmus des Schnitts, die sensationell in Szene gesetzte Audiokulisse und die winterlich gehaltenen Farben der Bilder belichten dieses Handwerk auf eindrückliche Art und Weise. Dem Ton gilt hierbei besondere Aufmerksamkeit. Man hört dem Film die Entscheidung an, in die Nachbearbeitung des Tones zu investieren. Nicht nur erweckt er die Arbeit zum Leben und lässt diese eindrücklich miterleben, er verdichtet sich stellenweise beinahe zu modernen Kompositionen für heulende Motorsägen.
 
Dabei geschieht etwas Unerwartetes. Ist die Abholzung der Wälder, die Verpestung der Luft und der Lärm der Maschinen bei den wenigsten mit positiven Gefühlen belegt, so vermag die Inszenierung dieser Arbeit auch ethisch Sensibilisierte zu faszinieren. Denn das eigentliche Thema des Filmes sind weniger die fallenden Bäume, als vielmehr der Umgang der Förster mit ihrem Wald. Nachdem einer der Arbeitenden ein leises «Schiisdreck» von sich gibt, da ein Baum mehr Widerstand als erwartet leistet, meint ein anderer: «Er isch au nöd i eim Tag gwachse, dänn muess er au nöd i einere Minute am Bode ligge.» Die Ruhe und Bestimmung, mit der dieser Satz ausgesprochen wird, geben den Ton der Arbeit an: Hier wird nicht auf einen schnellen Profit hin gearbeitet, sondern im Einvernehmen mit der Natur Platz für die jungen Bäume geschaffen. Diese Botschaft wissen die beiden Regieführenden mit Blick auf den Umgang der Förster mit den Bäumen meisterlich in Szene zu setzen.
Aurel Sieber
*1986, hat Filmwissenschaften und Germanistik in Zürich studiert und verfasst zurzeit eine Dissertation zum essayistischen Film Harun Farockis. Als Teil des Forschungsprojektes «Praktiken ästhetischen Denkens» ist er Stipendiat des Schweizer Nationalfonds.
(Stand: 2018)
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