DOMINIC SCHMID

L'APOLLON DE GAZA (NICOLAS WADIMOFF)

Im August 2013 fand ein Fischer bei einem Strand in Gaza nahe der ägyptischen Grenze eine bronzene Statue des griechischen Gottes Apollo. Mühselig an Land geschleppt, wurde sie erst einmal aufgebahrt und fotografiert. Die Experten sind sich zwar über die Bedeutung und den unermesslichen Wert der mutmasslich über zweitausend Jahre alten Statue durchaus einig, jedoch nicht darüber, ob sie überhaupt echt ist. Jemand legt überzeugend dar, dass, von seinem Aussehen her zu schliessen, der Apollo maximal eine Woche unter Wasser hätte sein können. Widerlegen oder bestätigen lassen sich diese Theorien aber nicht, weil erstens die Situation in Gaza zu kompliziert ist, als dass diese Experten ihre Einschätzungen auch am Objekt selbst vornehmen konnten, und zweitens, weil die Statue nach kurzer Zeit spurlos verschwand. Vielleicht sei sie durch den selben Tunnel wieder ausser Landes geschmuggelt worden, durch den sie – so die Mutmassung eines Interviewpartners – bereits hereingebracht wurde, vielleicht wurde sie von der Hamas-Regierung beschlagnahmt und jetzt quasi in Geiselhaft gehalten, bis die israelischen Blockade des Gazastreifens wieder aufgehoben wird. Oder aber sie wurde längst auf dem illegalen Antiquitätenmarkt verkauft. Das Rätsel wird vorerst, und daran ändert L'Apollon de Gaza des Genfer Dokumentarfilmers Nicolas Wadimoff nichts, ungelöst bleiben.
 
Wadimoff, der mit Aisheen – Still Alive in Gaza (2010) bereits in Gaza unterwegs war, vollzieht hier nur vorgeblich eine Spurensuche oder Detektivgeschichte. Im Film begegnen wir vom Fischer, der den Apollo gefunden hat, über die Experten antiker Kunst, die den Apollo je nach Gesinnung für eine perfekte Fälschung oder für hundertprozentig authentisch halten, bis zum Hamas-Regierungsbeamten, der offensichtlich mehr weiss als er sagt, fast allen, die irgendwie mit dieser Geschichte verbunden sind. Dabei klaffen die verschiedenen Interpretationen nicht nur der Statue und deren Herkunft, sondern auch der Geschichte ihres Fundes und dessen Bedeutung so weit auseinander, dass einem schwindlig wird.
 
Wadimoff unterlegt diese zeitlich und geographisch sowieso schon entrückte Suche nach einer unauffindbaren Wahrheit mit einem poetischen Voiceover aus der Perspektive des Apollos, der dem Fall eine zusätzliche mythische Dimension verleiht, welche die vergleichsweise einfache Geschichte um eine gefundene Bronzestatue kaum hergegeben hätte. So entwickelt sich der Film nach und nach von der Aufarbeitung eines spezifischen Falles – der natürlich durch sein Nebeneinander von mythologisch-historischem Hintergrund und komplexer zeitgenössischer Politik bereits einiges an symbolischer Aufgeladenheit enthält – zu einer profunden Reflexion über Geschichte und Wahrheit in Zeiten politischer Verwirrung.
 
Dominic Schmid
*1983. Studium der Filmwissenschaft, Japano­logie, Politikwissenschaft und Philosophie in Lausanne, Zürich und Berlin. Dazu Kinooperateur und Videothekar. 2003–2009 Vor­stands­mitglied und Präsidium der Filmgilde Biel. 2013–2015 Mitglied der Cinema-Redaktion. Filmkritiken für Filmbulletin, Film­explorer.ch und Cinema Sélection. Lebt in Leipzig.
(Stand: 2018)
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