DOMINIC SCHMID

WHERE ARE YOU, JOÃO GILBERTO? (GEORGES GACHOT)

Irgendwo in einem Hotelzimmer in Rio de Janeiro hält sich ein Musiker auf, der seit zehn Jahren nicht mehr an die Öffentlichkeit getreten ist. Kontakt hat er nur noch mit den engsten Angehörigen, die auch die einzigen sind, die seinen genauen Aufenthaltsort kennen. Sein Name ist João Gilberto, und 1959 erfand er mit «Chega de saudade» den Bossa nova. «Schluss mit ‹saudade›» heisst das, wobei «saudade» eines jener schönen Wörter ist, die sich nicht übersetzen lassen. «Die Traurigkeit ob der Unvollkommenheit der Welt» lautet ein poetischer Versuch; «irgendwo zwischen Sehnsucht und Depression» ein profanerer. Auf der Platte befindet sich das Lied «Hó-Bá-Lá-Lá», das jene unbeschreibliche Leichtigkeit dieser brasilianischsten aller Musikrichtungen wie kein anderes verkörpert. Der deutsche Journalist und Autor Marc Fischer, der von Gilbertos Musik regelrecht verzaubert war, reiste um 2010 nach Brasilien, vom Wunsch getrieben, dass João Gilberto ihm einmal, nur einmal, persönlich «Hó-Bá-Lá-Lá» vorspielen würde. Doch weil João Gilberto nicht gefunden werden will, und weil Fischers Detektivarbeit trotz Unterstützung seines persönlichen Dr. Watson zu keinem Erfolg führte, endete die Geschichte so traurig wie nur möglich, mit einem wunderschönen Buch über die Suche, das jedoch mit Fischers Selbstmord noch vor dessen Erscheinungstermin einherging: «Chega de saudade.»
 
Die Geschichte Fischers und das Rätsel um João Gilberto interessierte den Westschweizer Dokumentarfilmer und Musikspezialisten Georges Gachot, der sich mit Where Are You, João Gilberto? nun selbst auf die Suche nach dem weltabgeschiedenen Musiker begibt. Man kann den Film nicht wirklich als Adaptation von Fischers «Detektivgeschichte» bezeichnen, sondern eher als Wiederholung dessen erfolgloser Suche. Sich selbst als Protagonist stets ins Bild setzend, trifft er all jene Leute, denen bereits Fischer ein knappes Jahrzehnt zuvor begegnet war, und spricht mit ihnen sowohl über den Journalisten als auch über den versteckten Musiker. Dies lässt den Film zu einer Art Doppelporträt zweier trauriger Männer werden, die einander einmal fast begegnet wären. Beide bleiben dabei, wie im postmodernen Detektivroman, Phantome: der eine bereits verstorben, der andere aus freiem Willen unsichtbar. Zudem verpackt Gachot in seiner filmischen Suche elegant die Geschichte João Gilbertos und die des Bossa novas. Er gelangt sogar im kleinen Dorf Diamantina bis zur legendären Toilette, in der sich der Musiker immer wieder stundenlang zum Komponieren einschloss, weil er dort seine Ruhe hatte und weil die Akustik stimmte. Am Schluss kommt er sogar Fischers Wunsch, einer kleinen Privatperformance des Mannes, der nicht gefunden und schon gar nicht gefilmt werden will, ganz schön nahe. Durch eine verschlossene Hoteltür hören wir leise die Textzeilen: «Quem ouvir o hó-bá-lá-lá. Terá feliz o coração». «Wer ‹hobalala› hört, dessen Herz wird glücklich.»
Dominic Schmid
*1983. Studium der Filmwissenschaft, Japano­logie, Politikwissenschaft und Philosophie in Lausanne, Zürich und Berlin. Dazu Kinooperateur und Videothekar. 2003–2009 Vor­stands­mitglied und Präsidium der Filmgilde Biel. 2013–2015 Mitglied der Cinema-Redaktion. Filmkritiken für Filmbulletin, Film­explorer.ch und Cinema Sélection. Lebt in Leipzig.
(Stand: 2018)
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