THOMAS HUNZIKER

CHRIS THE SWISS (ANJA KOFMEL)

Es hört sich leicht absurd an, doch 1991 konnte man in der friedlichen Schweiz in den Zug einstiegen und direkt in den Krieg fahren. Auf diese gefährliche Reise macht sich im Herbst 1991 der Journalist Christian Würtenberg, der anschliessend aus Zagreb für diverse Medien über den Kroatienkrieg berichtet. Doch dann trifft Würtenberg eine fatale Entscheidung. Er schliesst sich der paramilitärischen Gruppe First Platoon of International Volunteers an. Am 7. Januar 1992 wird sein Leichnam in der Nähe von Vukovar gefunden. Gemäss Autopsiebericht wurde er erwürgt.
 
Der Tod des jungen Schweizers hatte direkte Auswirkungen auf das Leben eines Mädchens in der Schweiz. Seine Cousine Anja Kofmel war 10 Jahre alt, als sie von Würtenbergs Tod erfuhr. 2009 verarbeitete sie das Trauma zum Abschluss ihres Studiums an der Hochschule Luzern im animierten Kurzfilm Chrigi. Knapp zehn Jahre später erzählt sie in ihrem Dokumentarfilm Chris the Swiss, wie der Tod ihres Cousins sie in Albträumen verfolgte. Wie in Chrigi hat Kofmel diese Erinnerungen als animierte Szenen verarbeitet. In schwarzweissen Zeichnungen mit klaren Strichen irrt ein Mädchen durch ein Maisfeld, will ihrem Cousin eine Zeichnung schenken. Doch der wird von Heuschrecken-artigen Wesen verfolgt und das Mädchen taucht tiefer in schreckliche Welten ein.
 
Der animierte autobiografische Dokumentarfilm erlebte mit Persepolis (F 2007) und Waltz with Bashir (Israel, F, D 2008) seinen Höhepunkt. Für Chris the Swiss wählte Regisseurin Kofmel einen leicht anderen Ansatz. Ihr Dokumentarfilm ist ein Hybrid: Sie mischt die animierten Sequenzen mit teilweise schockierendem Archivmaterial und Interviewsequenzen, die sie auf der Suche nach Würtenbergs Spuren von der Schweiz bis nach Kroatien gesammelt hat. Kofmel redet mit Würtenbergs Eltern, seinem Bruder und mit Weggefährten aus Zagreb, die schonungslos über ihre Eindrücke sprechen. Besonders emotional wird dabei das Gespräch mit seinem Bruder. Den Rest muss sich Kofmel vorstellen. Sie illustriert in prägnanten Bildern die Einträge aus den Notizbüchern des Kriegsreporters auf Abwegen.
 
Entstanden ist ein einzigartiges Dokument über den Wahnsinn des Kriegs, gleichsam faszinierend wie verstörend. Gleichzeitig ist der Film eine berührende Sinnsuche. Selten ist nämlich ein Dokumentarfilm so persönlich wie Chris the Swiss. Kofmel ist nicht nur die Filmemacherin, sie ist auch die junge Frau vor der Kamera, die verstehen möchte, wie sich ihr Cousin auf ein solches Himmelfahrtskommando einlassen konnte.
Thomas Hunziker
*1975, Studium der Filmwissenschaft, Anglistik und Geschichte an der Universität Zürich. Ausbildung zum Radiologiefachmann. Er betreibt das Filmtagebuch filmsprung.ch und schreibt als freier Mitarbeiter für Cineman. Sein Heimkino befindet sich in Schaffhausen.
(Stand: 2018)

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