BETTINA SPOERRI

DIE VIERTE GEWALT (DIETER FAHRER)

Angesichts der Krise, in der sich die Medien seit bald zehn Jahren befinden, hat sich der Regisseur und Produzent Dieter Fahrer mit seinem Dokumentarfilm eines brisanten Themas angenommen. Der Titel des Films betont dann auch die Tatsache, dass insbesondere einem kritischen und investigativen Journalismus neben Legislative, Exekutive und Jurisdiktion eine bedeutende gesellschaftliche Rolle zukommt. Gerade diese Funktion eines Korrektivs von Machtmissbrauch, Fehlinformation – im Zeitalter von Fake News – und Grenzverwischungen zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung ist aber heute zunehmend bedroht. Um diese komplexe Situation filmisch einzufangen, konzentriert sich Dieter Fahrer mehrheitlich auf vier unterschiedliche Schweizer Medien, die ein heterogenes Spektrum an Redaktionskulturen und journalistischen Haltungen abdecken: Die geschichtsträchtige Zeitung Der Bund, das junge Onlineportal watson, die SRF-Radiosendung Echo der Zeit und das Crowdfunding-Projekt Republik. Die aussterbende Kultur abonnierter Traditions-Printmedien illustriert er mit kurzen Sequenzen aus dem Alltag seiner betagten Eltern. Sie identifizieren sich noch mit ihrem Berner Leibblatt und setzen dessen Papier nach der gemeinsamen Lektüre gewohnheitsmässig auch für andere Zwecke ein – etwa das Sammeln von Rüstabfall in der Küche. Sozusagen ihre Antagonisten sind die jungen MitarbeiterInnen von watson, die ohne Skrupel bei redaktionellen social media-Posts auch gerne einfach auf modische Überraschungs- und traffic-steigernde Jö-Effekte setzen. Derweil sind Bund- und Echo der Zeit-Redaktion mit empfindlichen Sparmassnahmen der Konzerne konfrontiert, die Einfluss auf Inhalte zeitigen, während die rauchenden Köpfe bei der Republik voller Elan die Utopie eines neuen, von rein ökonomischen Kriterien freien, redaktionell unabhängigen Mediums in die Tat umsetzen. Trotz der grundsätzlich repräsentativen Auswahl einiger Medien gelingt es Fahrer dennoch nicht wirklich überzeugend, das tatsächliche Ausmass der medialen Misere herauszuarbeiten. Das ist schade, denn die Fragestellung seines Films ist heute wichtiger denn je, nicht erst seit der No Billag-Abstimmung. Auch auf der visuellen Ebene wirkt u.a. der Einfall, das Bildmaterial von watson-Livestreams zwischenzuschalten, eher wie eine Verlegenheitslösung. Die gezeigten Arbeitswelt-Szenen und Interviews bringen die zentralen Probleme gerade auch analytisch öfter nicht auf den Punkt. So geht man etwas enttäuscht aus dem Kino, weil hier die Erwartungen zugegebenermassen höher waren als bei einem unpolitischen Thema. Aber auch, weil man im Film sieht, dass manche alte wie junge Redaktionen die Situation durch Mutlosigkeit und Anpassung an den Markt nur noch verschlimmern. Neue Medien braucht das Land. Und das wiederum ist keine unwesentliche Erkenntnis, die dieser Film befördert.
Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission Filmfestival Fribourg 2010–12, Internat. Jury Fantoche 2013. Heute ist sie freie Schriftstellerin und leitet (seit 2013) das Aargauer Literaturhaus. Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.seismograf.ch, www.aargauer-literaturhaus.ch
(Stand: 2018)
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