PHILIPP AUCHTER

ELDORADO (MARKUS IMHOOF)

Markus Imhoof zeigt in einem sehr persönlichen Beitrag das individuelle Leid der Menschen, die von Libyen übers Mittelmeer nach Europa gelangen. Er verknüpft es mit einer Geschichte aus seiner Kindheit, die ihn angesichts der gegenwärtigen Fluchtbewegungen wieder einholt.
 
In der letzten Einstellung sehen wir ein Boot in der Abenddämmerung, das – in schwarze Schatten getaucht – dahintreibt; die Köpfe der Menschen, die dieses Boot bis auf den letzten Platz besetzen, sind vor dem Horizont nur als Umrisse zu erkennen. Unmittelbar vor diesem Bild waren Ausschnitte aus einem alten Familienvideo vom Strandurlaub zu sehen: eine junge Frau, zwei Kinder, die ins Wasser springen. Ein weiteres Video aus dem Archiv zeigt einen jungen Mann in einem fahrenden Schiff: Sein Blick hinaus in die italienische See trifft in der Montage das unheimlich dahintreibende Flüchtlingsboot der Gegenwart. Die einfache Montage steht für die Grundstruktur dieses Filmes. Der Regisseur Markus Imhoof montiert Erinnerungen und Dokumente aus seinem Leben gegen die harten dokumentarischen Aufnahmen, die er von der sogenannten «Flüchtlingskrise» gesammelt hat.
 
Anders als im Spielfilm Das Boot ist voll (1981), in dem der Regisseur ein kritisches Licht auf den Umgang der Schweiz mit Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland warf, wählt Markus Imhoof hier einen dokumentarischen Zugang zum Thema der Flucht. Die Erzählhaltung ist – noch deutlicher als in More Than Honey (2012) – eine sehr persönliche. Mit Familienfotos, Archivaufnahmen und Kinderzeichnungen berichtet Markus Imhoof im Voice-over, wie er im Zweiten Weltkrieg seinen Vater an der Grenze vermisste und wie das Flüchtlingsmädchen Giovanna aus Italien für kurze Zeit in seiner Familie ein neues Zuhause fand; bis Giovanna wieder zu ihrer Mutter nach Mailand zurückgeschickt wurde.
 
Seine persönliche Lebensgeschichte motiviert die dokumentarische Reise zu den Brennpunkten der Fluchtroute, welche von Lybien übers Mittelmeer nach Italien führt – und nur im Ausnahmefall bis in die Schweiz. Ein italienisches Kriegsschiff im Mittelmeer, ein legales Flüchtlingslager in Italien, ein illegales Lager, wo geflüchtete Afrikaner in mafiösen Strukturen in der Landwirtschaft und in der Prostitution arbeiten (verdeckt mit Handkamera gefilmt) sowie verschiedene Unorte des Asylverfahrens in der Schweiz. Seine persönliche Geschichte ist es, die den Regisseur dazu verpflichtet, hinzusehen: «Du bist der Grund, Giovanna, warum ich mich auf diese Reise mache. Um zu sehen, was ich eigentlich nicht sehen will», sagt Markus Imhoof in einem der fiktiven Dialoge, die er mit seiner verlorenen Schwester Giovanna führt.
 
Die ausgestellte Betroffenheit des Regisseurs ist dabei zugleich Schwäche und Stärke dieses Films: Einerseits provoziert sie durch ihre Sentimentalität, andererseits erfüllt die subjektive Perspektive auf die politisch aufgeladenen Ereignisse auch eine ethische Funktion: Sie legt nahe, dass einzig eine subjektive – menschliche Perspektive auf jene Mitmenschen, die das Schicksal einer Flucht erleiden, moralisch zulässig ist.
Philipp Auchter
*1986, ist Redakteur der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft und arbeitet als freier Journalist für die Literaturredaktion von Radio SRF. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem Ende der Parabel als literarische Gattung.
(Stand: 2018)
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