DORIS SENN

FAVELA OLÍMPICA (SAMUEL CHALARD)

Schlichte Steinhäuser mit begrünten Innenhöfen, Bewohner/-innen, die einem regulären Job nachgehen, sich als friedliches Kollektiv, ja als Familie verstehen, mit spielenden Kindern auf den Quartierstrassen, Mangobäumen vor der Haustür – und dies alles nah am Wasser mit einem spektakulären Blick auf die Bucht von Rio de Janeiro. Auch so kann eine Favela aussehen. Zumindest bis zu den Olympischen Spielen.
 
«Favela de Vila Autódromo» heisst die oben beschriebene, fast schon idyllische «Vorstadtsiedlung». In seinem dokumentarischen Langfilmdebüt begleitete der Westschweizer Samuel Chalard die kleine Gemeinde in ihrem Kampf gegen die Evakuierung von 2014 bis 2016. Entstanden war die Vila in den Siebzigerjahren, gegründet von Fischer. In den Neunzigerjahren erhielten die mittlerweile rund 900 ansässigen Familien das Land im Nutzungsrecht. Eine Regularisierung war im Gang, als Olympia nach Rio kam und gleich hinter dem Grenzzaun der Favela geplant wurde: Während der Bürgermeister der Stadt in vollmundigen Communiqués die Bauprojekte rund um die Spiele präsentierte, von «nomadischer» Architektur schwadronierte und den Umbau einer Sporthalle in vier Schulen prophezeite, begann für die Favela-Bewohner ein Kampf um Haus und Boden. Entgegen aller Logik sollten in der Vila Autódromo nämlich erst 300, dann immer mehr der rund 900 Häuser geschleift werden. Die Behörden begannen den Bewohnern erst verlockende Angebote zu machen – hohe Geldsummen, Wohnungen in der Stadt –, was einen ersten Keil in die Gemeinschaft trieb. Dann drängten sie die Anwohner indirekt zum Verkauf: Häuser wurden abgerissen, der Strom unterbrochen, Wasserleitungen beschädigt – mit einschneidenden Folgen für die immer kleiner werdende, widerständige Bewohnergruppe. Die letzten Aktivisten wurden mit Einsätzen der Miliz gefügig gemacht.
 
Samuel Chalard macht sich mit seinem Film zum Anwalt der Anliegen seiner Protagonisten, die für nichts anderes als ihr ‹gutes Recht› kämpfen. Er entlarvt die behördliche Willkür und den Machtmissbrauch, wird doch zunehmend klar, dass nicht Olympia im Zentrum der Evakuierungen steht, sondern ein Grossinvestor mit dem Interesse, auf dem Gelände nach den Spielen eine Luxusüberbauung zu erstellen. Dafür sollte der Bürgermeister die Favela ‹freimachen›, um das Gelände als Grüngürtel den neuen Anwohnern zur Verfügung zu stellen. Favela Olímpica bringt pointiert die skandalösen Vorgänge rund um die Spekulation im Umfeld der Spiele auf den Punkt. Der Bürgermeister und seine Architekten vollziehen bald die voraussehbare Kehrtwende: So gibt es für die vollmundig angekündigten Schulen keinen Platz mehr, während die Favela als Ganzes der Vergangenheit angehört. Die Bewohner wurden verstreut, Leben und Existenzgrundlagen zerstört. Dabei spricht Bände, dass einer der ehemaligen Bewohner für die zugesprochenen sieben(!), billig und prekär erstellten Apartments bislang nur eine Quittung für die Wohnungsschlüssel erhalten hat …
Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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