DOMINIC SCHMID

CHOISIR À VINGT ANS (VILLI HERMANN)

Der Vietnamkrieg und die ihn begleitenden Proteste, zu denen die Kriegsdienstverweigerung oder das «Draft Dodging» gezählt werden können, wurden durch die unzähligen künstlerischen Verarbeitungen Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Aus Frankreichs fast zeitgleich stattfindendem Algerienkrieg sind hingegen nur wenige solcher Geschichten allgemein bekannt: Dabei waren es immerhin zwischen 100 und 300 junger französischer Männer, die – nicht willens, an der brutalen Niederschlagung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung teilzunehmen – aus der französischen Armee desertierten oder gar nicht erst in diese einrückten, sondern sich stattdessen in verschiedene europäische Nachbarländer absetzten, darunter auch in die Schweiz.
 
Dort wurden die Verweigerer, die in ihrem Heimatland nun doch immerhin als Verbrecher galten, zwar kaum mit offenen Armen empfangen, zurückgeschickt wurden sie aber auch nicht. In Zürich seien «Kommunisten wie er» nicht willkommen gewesen, erinnert sich jemand an die Reaktion der zuständigen Behörden. Mit dem Zusatz jedoch: «Vielleicht in Genf oder Lausanne.» Ein informelles Netzwerk aus expatriierten Franzosen und politisch-konspirativ aktiven Schweizern entstand in der Westschweiz. Man verhalf sich zu Anstellungen und betrieb in kleinerem Masse verschiedene Formen von Gegenpropaganda: So wurden etwa Fotografien und Berichte der drastischen Auswirkungen des Krieges auf die algerische Bevölkerung – etwa von Hinrichtungen und Folterpraktiken – über die Schweiz nach Frankreich geschmuggelt, wo das wahre Angesicht des Krieges, der damals offiziell nicht mal als solcher bezeichnet wurde, den meisten Menschen kaum bekannt war.
 
Natürlich waren die Männer im Exil vom Heimweh geplagt, vermissten zum Beispiel den Geruch der Pariser Metro oder konnten nicht zur Beerdigung der eigenen Mutter, ohne mehrere Jahre Gefängnis zu riskieren. Trotzdem entschieden sich, als der Krieg Anfang der 60er mit der algerischen Unabhängigkeit zu Ende ging, einige von ihnen dafür, in der Schweiz zu bleiben und «un petit bourgeois suisse» zu werden. Andere, darunter auch der Regisseur Villi Hermann, sind nach Algerien gereist, um dort den Wiederaufbau von Schulen und anderer Infrastruktur zu unterstützen. Es sei gerade die Liebe dieser Männer zu Frankreich gewesen, die sich darin äusserte, dass sie nicht an dessen (kolonialen) Irrwegen teilnehmen wollten, sondern mit den Mitteln, die ihnen zu Verfügung standen, gegen diese kämpften – so Freddy Buache einmal im Film, der mit vielen der «insoumis» bekannt war.
 
CHoisir à vingt ans ist ein erhellendes und faszinierendes Dokument über einen Aspekt der schweizerisch-französischen Beziehungen, der den meisten völlig unbekannt sein dürfte. Durch den autobiografischen Zugang und durch die Verwendung von unerwartetem Bildmaterial – etwa von Zeichnungen algerischer Kinder, die den Krieg abbilden – verleiht Hermann dem Film eine besondere Authentizität, welche die persönlichen Ausführungen über Moral und persönliche Verantwortung umso nachvollziehbarer und eindringlicher gestalten.
Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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