DOMINIC SCHMID

TIERE (GREG ZGLINSKI)

Ein Schaf wird überfahren, ein Vogel begeht Selbstmord und eine schwarze Katze bittet die in ihrer Wahrnehmung mittlerweile ziemlich verunsicherte Anna (Birgit Minichmayr) um eine Zigarette, bevor sie ihr rät, sich an ihrem untreuen Mann Nick (Philipp Hochmair) zu rächen. Das Paar befindet sich (wahrscheinlich) in einer Schweizer Alphütte; sie will ein Buch schreiben, er ist auf der Suche nach originalen Rezepten für sein Kochbuch. Ihre Beziehung scheint in einem solch schlechten Zustand zu sein, dass sich die Realität um sie herum zu verfremden beginnt: die Zeitwahrnehmung erhält Brüche, die Räume beginnen sich zu verdoppeln oder werden inkonsistent. Die Nachbarin, mit der Nick seit einem Jahr eine Affäre hat, stürzt sich aus dem Fenster, scheint aber als ihre eigene Doppelgängerin zurückzukehren. In Nicks und Annas Wohnung, deren Grundriss identisch mit jenem der Alphütte ist, erlebt sie die surrealen Erfahrungen ihrer Besitzer symbolisch verfremdet gleichsam mit.
 
Wie die Figuren können sich auch die Zuschauer nie ganz sicher sein, ob das, was sie gerade sehen, Wirklichkeit, Traum oder die Wahrnehmung eines Anderen ist – und ob dazwischen überhaupt ein Unterschied besteht. Mehrmals ziehen ein einfacher Continuity-Schnitt oder eine Kamerabewegung den Status des Wahrgenommenen in den Zweifel. Manchmal sind sich nicht einmal die Figuren innerhalb einer Einstellung einig, was gerade gesagt wird («Ich verlasse dich.» – «Da ist eine Katze draussen.»), ob man sich seit einem Tag oder zwei Wochen auf der Alphütte befindet, oder ob es gerade Tag oder Nacht ist. Die ständigen Missverständnisse oder Unterschiede in der Wahrnehmung bewegen sich dabei auf einer Skala zwischen amüsant und verstörend. Mehr als einmal fühlt man sich an David Lynch oder an Lars von Triers Antichrist (DK 2009) erinnert.
 
Greg Zglinski (Tout un hiver sans feu) inszeniert dieses Verwirrspiel gekonnt und mit minimalen, kreativ eingesetzten Mitteln. Minichmayr und Hochmair sind fantastisch und lohnen alleine schon den Kinobesuch. Dass sich die Puzzlestücke nie ganz ineinanderfügen, ja nicht einmal der Versuch gemacht wird, zum Schluss ein kohärentes Bild zu entwerfen oder den Eindruck zu erwecken, dass ein solches überhaupt existieren könnte, macht durchaus einen der Hauptreize des Films aus. Was aber zu fehlen scheint, ist ein gewisser Subtext – eine Rückseite des Puzzles oder eine Ahnung, dass es hier um etwas geht. Um eine verfremdete Wahrnehmung vielleicht, ausgelöst durch Eifersucht oder durch ein (medizinisches oder psychologisches) Trauma? Oder sogar um die allgemeine Unzulänglichkeit der Realität, die sich mitunter vielleicht im ständigen Auftauchen verschiedener Tiere als Vertreter des Unbewussten äussert? Zglinski bleibt bei reinen Andeutungen, und lässt den Zuschauer zwar gut unterhalten, doch auch etwas frustriert zurück.
Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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