MARIAN PETRAITIS

RETOUR AU PALAIS (YAMINA ZOUTAT)

Eine schwere, gusseiserne Tür mit prachtvoller Verzierung in Nahaufnahme, schemenhaft vorbeihuschende Menschen, die ihre Schatten werfen und deren Flüstern kaum zu vernehmen ist. Es folgen im Bild angeschnittene Hände, die auf der Anklagebank ruhen, auf den ersten Blick zum Gebet gefaltet. Kurz darauf die Hände eines Polizisten, die Handschellen bereithalten. Eine schwere Holztür öffnet sich, Unruhe macht sich breit, plötzlich schnappen die Handschellen zu; eine Person wird abgeführt, bevor die Tür mit einem Knall in das Schloss fällt. Kurz darauf ein erster Orientierungspunkt: die Kamera zeigt einen Gerichtssaal, jetzt ohne menschliche Schemen, die Lichter erlöschen nach und nach.
 
Gleich in den ersten Momenten wird klar: im Mittelpunkt von Yamina Zoutats Dokumentarfilm Retour au Palais stehen weniger die Menschen, sondern vor allem das Gebäude selbst; der Pariser Justizpalast im 1. Arrondissement auf der Île de la Cité, ein gewaltiges architektonisches Monument der französischen Rechtsprechung, mit 6999 Türen, 3150 Fenster und insgesamt 24 Kilometern an zu durchdringenden Korridoren. Für die Regisseurin ist der Besuch in dem jahrhundertealten Palast – der Filmtitel verrät es bereits – eine Rückkehr zu altbekannter Stätte; Zoutat hatte über zehn Jahre lang als Reporterin die Gerichtsverfahren verfolgt und über sie berichtet. Beeindruckt und mitunter geschockt von den persönlichen Tragödien der Opfer und auch der Angeklagten schildert sie aus dem Off ihre jahrelange Arbeit in den traditionsreichen Mauern. Schnell jedoch koppelt sich der Film von den Einzelschicksalen ab und beginnt, das labyrinthische Gebäude zu erkunden. Während die Kamera sich durch die nie enden wollenden Korridore vortastet, verweilt Retour au Palais wiederholt für kurze Momente bei Menschen, die hier in unterschiedlichsten Funktionen ihrer Arbeit nachgehen. Etwa bei einem Kurier, der die kiloschweren Gerichtsakten lautstark per Sackkarre durch das Gebäude hieven muss, da es keinerlei Aufzüge gibt. Oder bei eine blinden Telefonistin, die über eine eingerichtete Hotline Anrufer entgegennimmt, die Hilfe bei der ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeit suchen – und so schrecklichen wie mitunter absurden Anfragen begegnet.
 
Nie jedoch verweilt der Film länger an einem Ort, sondern schreitet weiter in das Innere des Gebäudes voran. Gerade in der zweiten Hälfte, als der Film sich vom Erdgeschoss in die Katakomben des Palastes begibt, taucht er zunehmend in die Vergangenheit, und damit in die Geschichte der französischen Justiz ein. Dieses Eintauchen, das der Film behutsam zwischen den massiven Kerkern und riesigen Gemälden von gottgleichen Richtern entfaltet und über das Retour au Palais eine beeindruckende Sogkraft entwickelt, bietet letztlich auch ein faszinierender Einblick in menschliche Abgründe.
Marian Petraitis
*1987, studierte Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft in Bonn und Filmwissenschaft im Rahmen des Netzwerk Cinema CH in Zürich und Lausanne. Arbeit als freier Filmkritiker, zahlreiche redaktionelle Praktika, darunter bei filmportal.de, epd Film. Seit 2013 wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Filmwissenschaft der Uni­versität Zürich mit einem Dissertationsprojekt zu historiographischen Praktiken des Alltags in gegenwärtigen Film- und Videoarbeiten. Seit 2014 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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