MATTIA LENTO

CALABRIA (PIERRE-FRANÇOIS SAUTER)

Die Räume des helvetischen Roadmovies dehnen sich aus. In der Schweiz waren sie morphologisch schmal, aber die Präsenz der Migration hat sie erweitert: Schon in Le train rouge (Peter Ammann, 1972) oder Vento di settembre (Alexander J. Seiler, 2001) war das zu sehen. Damals haben die Filmemacher die Rückkehr in die Heimat für die Wahlen oder nach der Pensionierung dokumentiert. In Calabria hingegen geschieht die Rückkehr «post mortem». Eine Leiche, ein Sarg und ein Auto mit zwei Chauffeuren.
 
Das Auto (und was für ein Auto!) ist eine wirksame Bühne, um die Beziehung zwischen einem extrovertierten Roma (Jovan) und einem portugiesischen Humphrey Bogart (José) zu inszenieren. Der Erste, ein Musiker, Migrant aus Liebe, Totengräber aus Bedürfnis, flirtet mit dem Publikum und spielt einmal die Rolle des Romantikers, dann die des Dichters oder des Philosophen; dem Zweiten gefällt es, sich zu verstecken, obwohl er gegen das «Cinéma du réel» und seiner Macht, den Geist sichtbar zu machen, nichts ausrichten kann. Die Chemie zwischen den beiden stimmt; und das hundertprozentig.
 
Pierre-François Sauter mischt sich nicht sonderlich in deren Beziehung ein. Er stellt einfach zwei Kameras gegenüber seinen Protagonisten auf und lässt sie fast auf der gesamten Strecke, die Lausanne vom kalabresischen Dorf Gasperina trennt, allein. Der Regisseur mit seiner Kamera taucht nur während einiger weniger Reisepausen auf. Der wahre Vermittler zwischen den Protagonisten ist nicht er, sondern Francesco Spadea, der Mann im Sarg. Wir wissen gar nichts über seine Vergangenheit und sehen ihn nur am Anfang des Films in den diskreten Ankleideszenen, in denen es Sauter gekonnt vermeidet, den Zuschauer in die unbequeme Position des makaberen Voyeurs zu versetzen.
 
Sauter behandelt das alpine Gebiet und die Autobahnrastplätze, als wären sie dasselbe: prosaische Etappen einer säkularisierten mystischen Reise. Der Gotthard und die anderen Schweizerischen Bergketten stellen keine Symbolen der helvetischen Heimat dar, sondern werden lediglich zu überwindenden Passagen, Hindernissen, gar zu Nicht-Orten. Das wahre Ziel ist das Mittelmeer.
 
Der diskrete Stil Sauters lässt dem Leib Francescos, der Charisma ausstrahlt, Spielraum. Sein letzter Wunsch zwingt die zwei Totengräber, sich mit sich selbst, ihren Liebesgeschichten und ihrer nie vergessenen Herkunft auseinanderzusetzen. Francesco Spadea ist der eigentliche «Metteur en Scène», der Deus ex Machina dieser Filmerzählung. Die Leistung Sauters besteht darin, mit einem Toten Kino zu machen, und damit, ohne Phrasendrescherei, eine nicht erwiderte Liebe zu thematisieren: Calabria.
Mattia Lento
*1984, Promotion an der Universität Zürich und Universität Mailand mit einer Dissertation über Schauspieler und Schauspielerinnen im europäischen Kino der 1910er Jahre. Derzeit arbeitet er an einem Projekt zum Thema „Kino, italienische Migration und Politik“ als Early Postdoc Mobility Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds (SFN).

(Stand: 2016)
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