DORIS SENN

LA IDEA DE UN LAGO (MILAGROS MUMENTHALER)

Dies ist eine der wenigen verspielten Szenen: ein grüner Renault 4 dreht sich wendig im smaragdgrünen See – im Duett mit der kleinen Inés, die sich im glitzernden Wasser tummelt vor der Bergkulisse von La Angostura. Die Seenlandschaft im äussersten Westen Argentiniens spielt eine wichtige Rolle in La idea de un lago: An ihr kristallisieren sich die Erinnerungen von Inés, die von Kindsbeinen an dort ihre Ferien verbrachte. Dort wurde auch das einzige Foto gemacht, das sie mit ihrem Vater zeigt: er ein junger schlaksiger Mann – sie viel zu klein, um sich an ihn zu erinnern. Bevor er von einem Tag auf den andern verschwand, wie so viele der «Desaparecidos» während der argentinischen Militärdiktatur. Heute ist Inés 35 und schwanger. Zum Vater des Kindes ist sie auf Distanz gegangen, zu sehr eingenommen ist sie von der Vergangenheit an diesem Wendepunkt ihres Lebens. Inés arbeitet an einem Buch, mit dem sie sich aus der jahrelangen Hoffnung und Trauer zugleich zu lösen sucht.
 
Milagros Mumenthalers zweiter Spielfilm nach Abrir puertas y ventanas geht vom Bilder-und-Poesie-Buch «Pozo de aire» von Guadalupe Gaona aus. Darin verarbeitet die argentinische Fotografin ihre Familiengeschichte. Mumenthaler, in Argentinien geboren und mit ihrer Familie vor der Militärdiktatur in die Schweiz geflohen, schuf daraus ein zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Imagination und Realität frei flottierendes Gebilde. Fein komponiert die Übergänge: die Margeriten im Garten des Ferienhauses tauchen in einer anderen Zeit als Bettdeckenmuster wieder auf, während die alten Fotografien an den realen Schauplätzen zu neuem Leben erweckt werden. La idea de un lago ist ein komplexes Gefüge, das mit teils berückenden, teils symbolschweren Bildern die Sehnsucht nach dem vermissten Vater einzufangen sucht. Nicht Ereignisse nacherzählen, sondern dem nachhorchen, was jene fatalen Geschehnisse in der Geschichte Argentiniens im Umfeld der Opfer auslösten: dies der Inhalt von Mumenthalers Filmpoem.
 
Doch leider vermag die Regisseurin dabei nur entfernt an die atmosphärische Dichte ihres Erstlings – der teils Ähnliches thematisierte – heranzureichen: zu ambitiös die vielen auseinanderdriftenden Erzählebenen, zu kunstvoll arrangiert die traumähnlichen Schlüsselbilder. Vor allem aber überzeugt der Film nicht auf schauspielerischer Ebene: Carla Crespo verkörpert die erwachsene Inés kühl und unnahbar, eine nachvollziehbare Sicht aus ihrer Perspektive bleibt uns verwehrt, weshalb es dem Film nicht gelingt, uns zu packen und auf seine emotionale Erinnerungsreise mitzunehmen. Schade.
Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]