SIMON MEIER

MIRR (MEHDI SAHEBI)

Binchey, ein Bauer im Nordosten Kambodschas, wird mit seiner Familie von seinem Feld vertrieben, das fortan von einem Unternehmen als Kautschukplantage betrieben werden soll. Seiner Existenzgrundlage entzogen, fällt Binchey in eine tiefe Krise. Doch nicht nur er, sondern die ganze Gemeinschaft der Bunong, einer traditionell vom Land lebenden Minderheit, ist betroffen. Traurigkeit, Alkoholismus und Verzweiflung machen sich breit. Filmemacher und Anthropologe Mehdi Sahebi spielt mit Binchey und der betroffenen Gemeinschaft die einschneidende Erfahrung der Landenteignung nach und schafft damit einen Rahmen, in dem sie ihre realen Erlebnisse reflektieren können.
 
Sahebi präsentiert mit MIRR einen stark selbstreferentiellen ethnographischen Film, der an der Grenze zwischen Inszenierung und Dokumentation operiert. Binchey und die Dorfbewohner werden aktiv in den Prozess des Filmemachens einbezogen, indem sie von Sahebi und dem Dorfältesten nach ihrer Meinung gefragt werden, wie ihr Schicksal im Film präsentiert werden soll. So stellen sie Szenen von Alkoholmissbrauch und Ehekrach, Diskussionen um traditionelle Rollenverteilungen oder Konflikte um die Landenteignung nach und reflektieren dabei gleichzeitig über deren angemessene Darstellung. Über weite Teile wirkt MIRR jedoch wie ein Spielfilm, in dem wir die jüngere Vergangenheit von Binchey miterleben. Diese inszenierten Szenen arbeiten die Identitätskrise des Protagonisten auf und schaffen es vielleicht gerade wegen ihrer überspitzten Künstlichkeit, die Problematik der Bunong, die in ihrer traditionellen Lebensweise von der Industrialisierung eingeholt werden, überzeugend auf den Punkt zu bringen.
 
Immer wieder ertönt über die sorgfältig komponierten Einstellungen der klagende Gesang des Dorfältesten, in dem er über die Sorgen seiner Leute und ihre unsichere Zukunft sinniert. Der Dorfälteste ist es auch, der sich bei einer Versammlung für das Mitwirken möglichst vieler Dorfbewohner im Film ausspricht. So erhielten sie eine Stimme, nachdem ihnen die NGOs und die Politiker nicht helfen konnten. Denn die Kautschukplantagen haben sich in allen Lebensräumen der Bunong ausgebreitet. Der Schluss des Filmes stellt mit einer ironisch-metaphorischen Szene die existentielle Frage nach Anpassung in einer sich rasant verändernden Welt und wie der einzelne damit umgehen soll.
 
MIRR lief im Wettbewerb «Prix de Soleure» der Solothurner Filmtage und erhielt den Förderpreis der Stadt Duisburg 2016.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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