SIMON MEIER

L’ÂME DU TIGRE (FRANÇOIS YANG)

Alex ist mit seiner Freundin im Kletterurlaub, als er vom Tod seines Bruders Jun erfährt. Er kehrt in das chinesische Viertel von Paris zurück, indem seine Eltern, ein chinesischer Immigrant und eine Französin, leben. Dort angekommen wird er mit den mysteriösen Umständen von Juns Tod und seiner chinesischen Herkunft konfrontiert, von denen er nur wenig versteht. Während sich seine Mutter von der traditionellen Totentrauer überfordert sieht und allein gelassen werden will, zelebriert der Vater seine Kultur mit der chinesischen Verwandtschaft. Zusammen mit seiner selbstbewusst-verführerischen Cousine Lili versucht Alex genauer herauszufinden, wie sein Bruder gestorben ist. Es beginnt eine Reise in die verdrängte und totgeschwiegene Familiengeschichte des Vaters.
 
L’âme du Tigre zeichnet das einfühlsame Portrait einer multinationalen Familie, die durch einen Todesfall mit der eigenen tabuisierten Vergangenheit konfrontiert wird. Alex, der selber kein chinesisch spricht, rekonstruiert mit Hilfe seiner Cousine wie ein Privatdetektiv die genauen Todesumstände seines Bruders und dringt so tiefer in dessen Leben und das des Vaters ein. Das dunkle Familiengeheimnis, das er dabei aufdeckt, verbindet die Gräuel der chinesischen Kulturrevolution mit der Gegenwart und einem Verrat innerhalb der eigenen Familie. Gleichzeit entfremdet sich Alex durch die Annäherung an Lili von seiner eigenen Freundin, kommt dafür aber auch seinem distanzierten Vater näher.
 
Mit Elementen des Film Noir spielend, präsentiert François Yang in seinem Spielfilmerstling eine Facette von Paris, die man so noch selten gesehen hat: das chinesische Viertel, durch das sich Alex mit seiner Cousine bewegt, erinnert durch seine Randzonen, Bars und nächtlichen Strassen an das New York aus Scorseses Taxi Driver (US 1976) und schafft ein atmosphärisch dichtes, traumhaftes Setting, in dem sich die Geschichte um Wahrheitssuche und Vergangenheitsbewältigung perfekt entwickeln kann. Da Alex mit seinen Schnüffeleien gegen die Harmoniebedürftigkeit in der chinesischen Kultur verstösst, stellt er gleichzeitig die Frage nach dem Umgang mit Tradition in einer globalisierten Gesellschaft.
 
Dem Schweizer Regisseur François Yang, der mit dem Film den Tod seines eigenen Bruders verarbeitet, gelingt ein einfühlsames Drama, das mit seiner ungewöhnlichen Geschichte und präzisen Figurenzeichnung überzeugt.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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