SIMON MEIER

LE VOYAGEUR (TIMO VON GUNTEN)

Die «Voyager 1»-Raumsonde, mit einer goldenen Schaltplatte menschlicher Errungenschaften und Erinnerungen ausgestattet, kehrt nach vierzig Jahren Flug durch das All unerwartet zur Erde zurück. Sie soll in der Nähe von Sofia auf die Erde stürzen. Von Paris aus macht sich Virginie (Julie Dray) mit dem Zug auf nach Bulgarien und begegnet während der Fahrt ihrem verstorbenen Vater (Gilles Tschudi), den sie fortan in einem Rollstuhl mit sich herumstösst. Der Zustand ihres Vaters oszilliert zwischen einer komaartigen Totenstarre, zärtlicher Vertrautheit, in der er leise mit ihr spricht, und kindlicher Freude und Entschlossenheit, in er plötzlich aufsteht und herumläuft. Zusammen machen sie sich auf eine surreale Reise durch Bulgarien, die der assoziativen Logik eines Traumes folgt. Virginies Vater war ein berühmter Dirigent, der eines Tages plötzlich verschwunden war, und sein Versprechen eines Konzertes für sie alleine nie einlösen konnte. So geniesst sie seine plötzlich wiedergewonnene Präsenz, wäscht ihn, zieht ihn an, legt sich neben ihn, isst mit ihm.
 
Timo von Guntens Debutfilm zeichnet mit surreal-poetischen Bildern die kathartische Reise einer jungen Frau nach, die versucht, den Tod ihres Vaters zu akzeptieren. Mit stark verfremdeten Einstellungen, oft in minimalistischem Chiaroscuro gehalten, zuweilen an Experimentalfilme erinnernd, schafft der Film eine unwirkliche Atmosphäre, in der Virginie vergangene und erhoffte Momente mit ihrem Vater wiederaufleben lässt. Wie Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren (SE 1957) arbeitet Le Voyageur mit dem Motiv einer Reise, während deren die Hauptfigur mittels traumartiger Sequenzen mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Die innere Gefühlswelt der Protagonistin ist durch eine starke symbolische Stilisierung der Bildsprache nach Aussen gekehrt. Auch die Handlung folgt der Logik der Innenwelt von Virginie: Scheinbar ziellos fahren sie durch die karge, oft menschenleere Landschaft von Bulgarien, verirren sich in einem Wald, finden einen toten Fisch aus Virginies Kindheit im Kofferraum des Wagens und landen schliesslich bei einem einsamen Schafhirten. Erst durch durch diese traumhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit schafft es Virgine schliesslich, zurück in die Realität zu finden.
 
Von Gunten gelingt mit Le Voyageur ein ungewöhnlicher, poetisch-experimenteller Erstlingsfilm, der mit einer starken Bildsprache und den schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller Julie Dray und Gilles Tschudi überzeugt.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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