AUREL GRAF

MA VIE DE COURGETTE (CLAUDE BARRAS)


 
Es ist ganz offensichtlich nicht das warme, geborgene Zuhause, das sich jedes Kind wünscht. Ein kleiner Junge bemalt in einem hellen, aber farblosen Dachstock eines Reihenhauses seinen Drachen. Der Junge heisst Icarus, bevorzugt aber den Namen «Courgette» – «Zucchini» auf Deutsch. Während seine Mutter im Wohnzimmer vor dem Fernseher hockt, liegen ihre leeren Bierdosen im ganzen Haus verteilt. Eine Reihe unglücklicher Umstände führt dazu, dass seine Mutter das Zeitliche segnet. So bleibt dem freundlichen Polizisten Raymond nichts anderes übrig, als ihm auf dem Polizeiposten mitzuteilen, dass er in einem Waisenhaus untergebracht werden soll.
 
Dieses Waisenhaus ist ein währschaftes, einladendes Haus mit einem grossen Garten. Zögerlich öffnet er sich den anderen Menschen und zum ersten Mal in seinem Leben findet Courgette Freunde. Das Haus ist farbenfroh, bevölkert von Kindern mit unschöner Vergangenheit und unterschiedlichen Geschichten. Eines der Mädchen rennt bei jedem ankommenden Auto vors Haus und schreit «Maman!». Diese Szenen sind sinnbildlich für den Film, der selbst in den traurigsten Szenen subtilen Humor findet. Richtig aufblühen tut Courgette schliesslich, als ein Mädchen namens Camille im Waisenhaus ankommt. Mit dem ersten Blick ist es um Courgette geschehen und er verliebt sich unsterblich in sie.
 
Da Waisenhäuser keinen sehr guten Ruf in der Filmgeschichte haben, wollte Regisseur Claude Barras einen Film schaffen, der ein positives Bild dieser Institutionen wiedergibt und so dem Klischee entgegenwirkt. Er schafft dies mit einer detailreichen, farbenfrohen, positiven Inszenierung und liebevoll animierten Figuren. Der Junge mit den grossen Augen und den blauen Haaren schliesst man sofort ins Herz, und zuzusehen, wie er in den anderen Kindern, im Polizisten Raymond und sogar in den Waisenhausleitern Vertrauenspersonen und Verbündete findet, ist wunderschön. Barras hat keine Hemmungen, auch unangenehmere, für einen Animationsfilm unkonventionelle Themen anzuschneiden, tut dies aber immer auf behutsame und optimistische Art und Weise.
 
Ma vie de Courgette ist Barras’ erster animierter Langspielfilm. Mit einer Laufzeit von knapp 70 Minuten vergeht die linear erzählte Geschichte um Courgette und seine Freunde wie im Fluge. Es ist grosse Filmkunst, einen Film zu erzeugen, der seine dunklen Motive hell und optimistisch präsentiert, deren Tragweite jedoch stets gerecht wird. Genau dies wird wohl auch dafür gesorgt haben, dass der Film weltweit gefeiert und mit zahlreichen Nominierungen und Preisen überhäuft wurde.
Aurel Graf
*1993 in Luzern, studiert Politik- und Filmwissenschaft an den Universitäten Zürich und Luzern. Neben dem Studium im Kino Corso in Zürich tätig und für Online- und Printmedien Artikel über Film und Fernsehserien schreibend (maximumcinema.ch).
(Stand: 2017)

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