STEFAN STAUB

JEAN ZIEGLER — DER OPTIMISMUS DES WILLENS (NICOLAS WADIMOFF)


 
Jean Ziegler pflegt seine Aussagen gerne damit zu unterstreichen, dass er berühmte Intellektuelle zitiert. Konsequenterweise ist denn nun auch der Untertitel einem bekannten Zitat entnommen. Das Bonmot des Philosophen Antonio Gramsci vom «Pessimismus des Verstandes» und dem «Optimismus des Willens» fällt im Zwiegespräch mit einem kubanischen Publizisten und ehemaligen Revolutionär. Im Schaukelstuhl unterhalten sich die beiden alten Genossen über die «universelle Kraft» der sozialistischen Revolution. Es ist ein wunderbares Bild, das Zieglers Persönlichkeit perfekt auf den Punkt bringt: Seine Ideen klingen mitunter etwas angestaubt, aber sein Humor, seine Schlagfertigkeit und eben auch sein Optimismus sind ansteckend wie eh und je.
 
Der Regisseur Nicolas Wadimoff porträtiert Jean Ziegler als nimmermüden Schriftsteller, begnadeten Rhetoriker und unverbesserlichen Anhänger von Che Guevera, dem er einst versprach, in der Schweiz gegen das kapitalistische System zu kämpfen. Wadimoff, der in den 80ern einst selbst eines seiner Seminare besucht hatte, verfällt dabei glücklicherweise nicht der Versuchung, ihn auf den Sockel zu stellen. Zieglers durchaus imposante Vergangenheit handelt der Film lediglich in kurzen informativen Sequenzen ab, die von Wadimoff selbst mit einer gewissen ironischen Distanz gesprochen werden. Er verzichtet auf die üblichen Statements von Weggefährten und Experten, sondern bringt uns Ziegler rein über den Blick der Kamera und über die nonverbalen Reaktionen seiner Gesprächspartner und Zuhörer näher.
 
Wenn er Ziegler als Sprecher des beratenden Ausschusses des Menschenrechtrates begleitet oder mit Ziegler und seiner Frau Erica nach Kuba fährt, konfrontiert er ihn mit dessen Aussagen und fordert ihn so immer wieder zur Selbstreflexion heraus. Zu den stärksten Momenten gehört dann auch jene Szene, in der Wadimoff sich direkt in ein Gespräch zwischen Ziegler und einem ehemaligen Studenten einmischt und Ziegler dabei derart provoziert, dass er die Einschränkung der Pressefreiheit und das Einparteiensystem Kubas als notwendiges Übel im Kampf gegen den globalen Kapitalismus abtut.
 
Im Unterschied zu den meisten Arbeiten Wadimoffs ist diese nicht mit seiner eigenen Produktionsfirma Akka Films, sondern im Auftrag des Produzenten Emmanuel Gétaz von Dreampixies entstanden. Trotzdem reiht sich der Film, der seine Premiere am Filmfestival in Locarno feierte, nahtlos in Wadimoffs beachtliches Werk politisch und sozial engagierter Dokumentarfilme ein. Es ist wahrscheinlich seiner langjährigen Erfahrung als Regisseur und TV-Reporter zu verdanken, dass es ihm derart gut gelingt, Ziegler als streitbare Figur zu zeichnen, ohne dass die Faszination, die er als Redner auf seine Zuhörer ausübt, dadurch verloren ginge.
Stefan Staub
*1980 in Bern, studierte Publizistik, Filmwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Fortbildung an der Drehbuchwerkstatt München (2010/11), derzeit als Programmkoordinator bei den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur und als freischaffender Drehbuchautor tätig. Seit 2016 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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