SIMON MEIER

STILLE RESERVEN (VALENTIN HITZ)

In einem dystopischen Wien der Zukunft hat eine rücksichtlose Versicherung ein totalitäres, plutokratisches System geschaffen, in dem die Mehrheit der Menschen das Recht am eigenen Tod verloren hat. Wer beim Zeitpunkt des Todes verschuldet ist, wird zum Wohle der Profitmaximierung künstlich am Leben erhalten und als biologischer Datenspeicher, Organspender oder Leihmutter bewirtschaftet. Wer es sich leisten kann, schliesst eine Todesversicherung ab, die einem ein würdevolles Ableben ohne nachträgliches Vegetieren im künstlichen Koma garantiert. In diesem System treffen der adrette, opportunistische Versicherungsvertreter Vincent Baumann, der für das Unternehmen European All Risk Kunden akquiriert, und die dem Widerstand angehörige Lisa, Tochter eines ehemaligen hohen Konzernfunktionärs, aufeinander.
 
Der deutsch-schweizerische Regisseur Valentin Hitz zeichnet in Stille Reserven das satirisch-groteske Bild einer überrationalisierten Gesellschaft, in dem er Science-Fiction und Film noir sowie Motive aus 1984 (GB 1984), Matrix (USA 1999) und Minority Report (USA 2001) miteinander vermischt. War es in 1984 noch ein bewusst rebellischer Parteigenosse, der sich gegen das eigene System wendet, ist der Versicherungsvertreter Vincent ein weitgehend unkritischer Geist, der erst durch den Kontakt mit der ihm völlig gegensätzlichen Lisa, die ihm als verführerische Sängerin in einer Revue-Bar gehörig den Kopf verdreht, zum Gegner der eigenen Prinzipien wird. Die Femme fatale Lisa Sokulova und ihre revolutionäre Gruppe, die wie die «Proles» in 1984 mit dem verarmten Teil der Bevölkerung in einer verwahrlosten Parallelgesellschaft lebt, wollen das Speicherzentrum, in dem die Leute im komatösen Dämmerzustand gehalten werden, zerstören. Baumann soll als Undercover-Agent diese Machenschaften entlarven und vereiteln. Aber auch seine emotionale Manipulation durch Lisa ist von der Konzernleitung bereits antizipiert worden. Lisas Vater wird nach einem mysteriösen, ihn in die Verschuldung treibenden Unfall als «Visionär» gehalten, der ähnlich wie die «Precogs» in Minority Report Informationen über zukünftige subversive Machenschaften liefern soll.
 
Hitz gelingt mit Stille Reserven ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Film, der durch seine Liebe zu ausgefallenen Details, wie den Hormonhaushalt anzeigenden Uhren, und die schauspielerischen Darbietungen der beiden Hauptdarstellern Clemens Schick und Lena Lauzemis überzeugt. Der Film gewann am zwölften Zurich Film Festival den ersten Preis in der Kategorie ‹Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich›.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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