MARIAN PETRAITIS

SKIZZEN VON LOU (LISA BLATTER)

«I mag Züri eh nur im Summer», findet Lou gleich bei ihrer ersten Begegnung mit Aro, und gibt ihm so zu verstehen, dass ihre sich anbahnende Beziehung nur von kurzer Dauer ist. Ein heisser Zürcher Sommer bildet den Rahmen für Lisa Blatters Langfilmdebüt, in dessen Zentrum die 28-jährige Lou als geheimnisvolle Nomadin steht. Die taucht eines Tages plötzlich in Aros neu bezogener Wohnung auf und quartiert sich nach einer gemeinsamen Nacht mit ihrem Hab und Gut – das wiederum in eine Bananenkiste und einen kleinen Wanderrucksack passt – bei ihm ein. Je länger der gemeinsame Sommer dauert, desto mehr drängen die Fragen nach Freiheit und Verantwortung in die gemeinsame Liaison hinein. Während Aro sich früh zu Lou bekennt und unumwunden einen Überraschungsbesuch seiner Mutter einfädelt, sucht Lou immer wieder Distanz, gerade wenn es um ihre Familie geht. Die Streitereien häufen sich und werden hitziger. Und dann ist da auch noch der seltsame Verband an ihrem linken Arm, den Lou partout nicht abnehmen oder erklären will.
 
Skizzen von Lou fokussiert ganz auf seine beiden Hauptfiguren, zeigt Aros Wohnung als experimentellen Beziehungsraum, dessen unfertige, an vielen Stellen jedoch liebevolle Möblierung als Spiegel des Zusammenseins funktioniert. Die Kamera rückt selten von den beiden Liebenden ab, tastet sich mit ihnen ans Gegenüber heran und vermittelt so gekonnt, aber nie aufdringlich die körperliche Anziehungskraft, die beide aufeinander ausüben. Und fängt gleichzeitig die Fragilität der Verbindung ein, ähnlich den kleinen Pflänzchen, die Aro behutsam am Küchenfenster pflegt. Den richtigen Ton trifft der Film nicht zuletzt auch dank dem starken Spiel der Hauptdarsteller Liliane Amuat und Dashmir Ristemi und der stimmigen Chemie zwischen ihnen. Je mehr man als Zuschauer über Lou und Aro erfährt, desto stärker bezieht der Film ihren gesellschaftlichen Hintergrund mit ein: Aro hat albanische Wurzeln und möchte diese über die Liebe zu seiner Familie mit Lou teilen, die wiederum gewährt erst spät Einblicke in ihr zerrüttetes Elternhaus und in ihre Kindheit irgendwo in den Schweizer Bergen.
 
Der Ausbruch aus der Stadt und die Reise in die windig-eisigen Berghöhen zum Ende des Films konfrontieren Lou schliesslich mit ihrer Vergangenheit – und mit der Frage, ob sie mit Aro zusammenbleiben kann. Lisa Blatter, die kürzlich bereits als Mitinitiatorin des Episodenfilms Heimatland (CH 2015) ihr Interesse für politische Themen deutlich gemacht hat, flechtet so beiläufig, aber geschickt gesellschaftliche Fragen in die Identitätssuche ihrer Figuren mit ein. Ohne grosses Pathos oder überzogene Wendungen wirft Skizzen von Lou so einen feinfühligen Blick auf die Liebe zweier entrückter Individualisten, auf die Wünsche und Ängste der urbanen Endzwanziger und damit auch auf ein spätes Erwachsenwerden.
Marian Petraitis
*1987, studierte Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft in Bonn und Filmwissenschaft im Rahmen des Netzwerk Cinema CH in Zürich und Lausanne. Arbeit als freier Filmkritiker, zahlreiche redaktionelle Praktika, darunter bei filmportal.de, epd Film. Seit 2013 wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Filmwissenschaft der Uni­versität Zürich mit einem Dissertationsprojekt zu historiographischen Praktiken des Alltags in gegenwärtigen Film- und Videoarbeiten. Seit 2014 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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