STEFAN STAUB

MOKA (FRÉDÉRIC MERMOUD)

Er wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, der titelgebende mokkabraune Mercedes, der am Ursprung dieses intensiven psychologischen Dramas steht. Für Diane (Emmanuelle Devos) aber ist es der entscheidende Strohhalm, an den sie sich klammert, um endlich Genugtuung für den tragischen Tod ihres Sohnes zu erhalten. In Evian trifft sie auf Marlène (Nathalie Baye), die Inhaberin eines Schönheitssalon. Alle Spuren weisen darauf hin, dass Marlène die Person ist, die den tödlichen Autounfall verursacht und daraufhin Fahrerflucht begangen hat. Immer tiefer dringt Diane in Marlènes Leben und das Leben ihrer Familie ein, als sie versucht, das Geheimnis hinter der Tat aufzudecken. Doch wie weit wird sie gehen müssen, um endlich über den Verlust hinwegzukommen?
 
Emmanuelle Devos ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Mit ihrer Präsenz beherrscht sie den Film in jeder Sekunde – eine obsessive Frauenfigur, wie man sie aus den Filmen von Hitchcock kennt. Und ähnlich wie in dessen Kriminalfilmen wird auch hier der Zuschauer dazu verleitet, sich mit ihrer krankhaften Besessenheit zu identifizieren, um aus ihrer Perspektive ein Puzzle aus Schuld und Vergeltung zusammenzusetzen. Die erfahrene französische Kinodarstellerin Nathalie Baye bildet dabei Devos’ ebenbürtigen Gegenpart. Ihre erste Begegnung im Schönheitssalon ist schauspielerisch ein Höhepunkt; ein Moment, von einer derart beissenden Spannung, dass es einem schier kalt den Rücken herunterläuft.
 
Frédéric Mermoud hat bereits in seinem Debüt Complices (F/CH 2009) bewiesen, dass er ein guter Erzähler mit Affinität zum Genrefilm ist und das Wechselspiel zwischen spannungsgeladener Kriminalgeschichte und aufwühlendem Drama beherrscht. Mit Moka legt er einen handwerklich reifen Folgefilm vor, der den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Mermoud hat die Handlung der gleichnamigen Romanvorlage von Tatiana de Rosnay an den Genfersee verlegt. Mit den Bildern, die er dort findet, kreiert er eine stimmige Atmosphäre und spiegelt auf subtile Weise die innere Verlorenheit der Protagonistin.
 
Doch so stimmungsvoll die Inszenierung auch ist, die Handlung selbst verläuft letztlich in bekannten Bahnen und die Spannung, die Mermoud zu Beginn so meisterhaft aufbaut, zieht sich nicht durch den ganzen Film. Denn obwohl die Geschichte ganz im Hier und Jetzt verortet ist, wirkt sie ähnlich wie der mokkabraune Wagen zwischendurch ein wenig aus der Zeit gefallen. Unterstrichen wird dieses Gefühl noch durch den klassischen Score, der mit so bekannten Melodien wie der ‹Mondscheinsonate› von Beethoven aufwartet. Dass einem Moka letztlich trotzdem nachhaltig in Erinnerung bleibt, liegt vor allem an seinen beiden herausragenden Hauptdarstellerinnen.
Stefan Staub
*1980 in Bern, studierte Publizistik, Filmwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Fortbildung an der Drehbuchwerkstatt München (2010/11), derzeit als Programmkoordinator bei den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur und als freischaffender Drehbuchautor tätig. Seit 2016 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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