SIMON MEIER

MISÉRICORDE (FULVIO BERNASCONI)

Der Genfer Polizist Thomas Berger ist in Quebec auf Angelurlaub. Er will eigentlich schon wieder zurück in die Schweiz reisen, als er auf dem Weg zum Flughafen Zeuge eines tödlichen Unfalls wird. Ein Laster überfährt einen Jungen aus dem anliegenden Indianerreservat und begeht Fahrerflucht. Thomas, der mit der Mutter des Verunglückten flüchtig Bekanntschaft geschlossen hat, verfolgt den schwarzen Lastwagen in den Norden Kanadas. Was ihn dabei antreibt, scheint mehr zu sein als blosser Sinn für Gerechtigkeit.
 
Der Tessiner Regisseur Fulvio Bernasconi erzählt in Miséricode in einer Mischform aus Roadmovie, Verfolgungsjagd und Drama von sozialer Ungerechtigkeit und schuldgeplagten Affekttätern, die in den epischen Weiten Kanadas nach Absolution suchen. Thomas macht sich wie ein Getriebener auf die Suche nach dem Mörder des verunfallten Jungen und dringt dabei immer tiefer in den sozialen Kosmos der von endlosen Wäldern geprägten Region ein. Nach ersten Nachforschungen erfährt er, dass sich immer wieder Angehörige der ‹Premières nations› suizidal vor Lastwagen werfen, um dem von Depressionen und Alkoholismus geprägten Armutsdasein zu entgehen.
 
Stilistisch ist Miséricode von Allusionen an Spielbergs Duel (USA 1971) und Fargo (USA 1996) der Coen-Brüder geprägt: Die ermittelnde Polizistin im verschlafenen, trostlosen Indianerreservat Lac-Simon ist eine hochschwangere Frau, die ihre fehlende Agilität mit überlegtem Handeln wettmacht. Thomas wiederum verfolgt den monströsen und lebendig wirkenden schwarzen Laster als einsamer, wortkarger Cowboy, der sich auch vom Onkel des Jungen nicht helfen lassen will. Die bedeutungsoffene Parabel von Duel ist in Miséricode zu einem Drama über den Umgang mit unumkehrbarer Schuld zugespitzt: Nicht nur Thomas, der eine eigene Verfehlung durch die Jagd nach dem Lastwagenfahrer wiedergutzumachen hofft, sondern auch der örtliche Polizeichef, der einen Ureinwohner zu Unrecht misshandelte, und der flüchtige Fahrer suchen nach anfänglichem Davonlaufen bei den Geschädigten und den Angehörigen nach Vergebung – anstelle von staatlicher Gerechtigkeit. Bernasconi, einem breiteren Publikum vor allem durch seinen interaktiven Spielfilm Swiss Love (CH 2002) an der Expo.02 bekannt, gelingt mit Miséricode ein atmosphärisch dichtes Drama, in dem die karge Landschaft Süd-Quebecs die innere Verlassenheit der Protagonisten perfekt zu spiegeln vermag.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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