DORIS SENN

CAHIER AFRICAIN (HEIDI SPECOGNA)

Am Anfang stand ein Schulheft – mit Ausweisfotos, handschriftlich festgehaltenen Namen, Alter, Geschehnissen. Die darin aufgeführten rund 300 Frauen und Mädchen, vereinzelt Männer, aus einem Viertel der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui wurden 2002/03 Opfer von Übergriffen kongolesischer Söldner. Per Zufall, meint die Filmemacherin Heidi Specogna, sei sie bei einer Recherche-Reise 2008 auf das Heft gestossen. In der Folge reiste sie wiederholt nach Zentralafrika und begleitete einige der Betroffenen, die im Kampf um Gerechtigkeit eine Selbsthilfegruppe gegründet hatten.
 
So entstand über sieben Jahre die filmische Reportage Cahier Africain. Der Film lässt insbesondere zwei Frauen zu Wort kommen: Zum einen die 25-jährige Amzine, die von Rebellen vergewaltigt wurde und eine Tochter gebar, die Amzine nicht nur tagtäglich an die fatalen Ereignisse erinnert, sondern auch macht, dass sie von Familie und Nachbarn ausgegrenzt wird. Zum anderen porträtiert der Film die zur Zeit der Konflikte zehn Jahre alte Arlette, deren Bein von einer Kugel getroffen wurde und die jahrelang mit einer offenen Wunde lebte, bis sie endlich in Berlin operiert werden konnte. Cahier Africain zeigt, wie die Überlebenden im Lauf der Zeit trotz allem in ein «normales» Leben zurückfinden – würden nicht bereits die nächsten kriegerischen Ereignisse das Land erschüttern: Muslimische Rebellen dringen 2013 plündernd in den Norden des Landes ein; es formiert sich eine christliche Gegengruppe. Angst und Verzweiflung bestimmen erneut den Alltag der Menschen, ja zwingen sie gar in die Flucht.
 
Heidi Specogna – 2007 mit dem Schweizer Filmpreis für ihren Dokumentarfilm The Short Life of José Antonio Gutierrez ausgezeichnet – widmet sich mit Cahier Africain einmal mehr einem Brennpunkt der Weltgeschichte aus engagierter Innensicht. Hier verknüpft die Regisseurin individuelle Schicksale mit der juristischen, Kontinente umspannende Ebene: Dem für die Gräuel verantwortlichen Rebellenführer Jean-Pierre Bemba wird in Den Haag zurzeit der Prozess gemacht, wobei das eingangs erwähnte Heft als eines von vielen Beweismitteln bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Belgien geschafft wird, was der Film ebenfalls dokumentiert. Ein Off-Kommentar erklärt und verknüpft die zeitlich auseinanderliegenden Sequenzen. Die gewalttätigen Konflikte scheinen die Dreharbeiten zudem zu behindern, so dass sich der Film nach den Drehunterbrüchen buchstäblich wieder auf die Suche nach seinen Protagonistinnen machen muss.
 
Der Film zeichnet als Langzeitbeobachtung die dramatischen Folgen der wahnwitzigen Machtkämpfe für die Zivilbevölkerung nach. Cahier Africain erzählt aber auch von deren ungebrochenem Lebenswillen, während das Engagement um Gerechtigkeit für sie bizarrerweise fast zu einem Luxusproblem wird.
Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]